Von Urs P. Gasche – 08. Juli 2025.
Netzfund: https://www.infosperber.ch/politik/welt/vernichtungskrieg-in-gaza-warum-die-welt-zuschaut/
«Wenn Israel in Gaza tausend Hunde töten würde, löste dies einen grösseren Aufschrei aus als die Massenabschlachtung von Menschen.»
Solche Stimmen hörte Omer Bartov bei seinem Besuch vor einem halben Jahr in Israel. Bartov ist in einem Kibbuz geboren, war Offizier der israelischen Armee und ist heute Professor «of Holocaust and Genocide Studies» an der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island.
Bartov besuchte Israel, um seine Zwillingsenkel zu besuchen und um von Freunden und Bekannten zu erfahren, wie sich die Stimmung seit seinem letzten Besuch vor einem Jahr verändert hat. Damals war er vom nahezu vollständigen Unwillen jüdischer Israelis schockiert – nicht zuletzt seiner liberalen oder linken Bekannten –, die Gräueltaten der israelischen Armee IDF in Gaza auch nur wahrzunehmen.
Ein palästinensischer Chirurg erzählte ihm, er habe auf einer kleinen Kundgebung gegen das anhaltende Gemetzel in Gaza sprechen wollen. Zuerst hätten ihn die Organisatoren daran gehindert, um ihn dann doch reden zu lassen, weil er als sanftmütiger und vernünftiger Mann bekannt sei. Doch sobald er vom Leid der Palästinenser zu sprechen begann, seien einige Leute davongelaufen.
«Viele, die ich traf, erzählten mir Geschichten, die mich erschaudern ließen», berichtete Bartov am 24. April 2025 in «The New York Review». Ein Armeepilot habe weit entfernte Ziele mit Raketen beschossen. Er selber habe die Ziele nicht gekannt. Im besten Fall erfuhr er aus den Nachrichten der nächsten Tage, welche Ziele das Militär ihm programmiert hatte.
Bartov weiter:
«Ich hörte von einer Soldatin, die Drohnen bediente und das Land überstürzt verliess, als ihr klar wurde, wie viele Menschen sie getötet hatte. Ich hörte von einer linksgerichteten Mutter, deren Sohn schockiert aus Gaza zurückkehrte und von seinen Erlebnissen berichten wollte. Sie bat ihn zu schweigen.
Ich hörte von einem jungen Offizier, der während der Durchsuchung eines leerstehenden Gebäudes in Gaza einen palästinensischen Teenager aufgriff, der sich um die dort zurückgebliebene Grossmutter kümmerte. Als die Soldaten die Grossmutter im Keller fanden, erschossen sie sie auf der Stelle — gegen den anderslautenden Befehl des Offiziers. Er habe nichts dagegen tun können, sagte er.
Ein anderer Zeuge meinte: ‹Wenn die IDF tausend Hunde im Gazastreifen töten würde, würde das in der Öffentlichkeit einen grösseren Aufschrei auslösen als die Massenabschlachtung von Menschen›.»
Unterdessen hätten Fotos des verwüsteten Gazastreifens den Fotos von Hiroshima geglichen, berichtete ein israelischer Filmemacher.
«Das Leben eines palästinensischen Zivilisten ist nichts wert»
Unbequeme Fragen stellt der französische Soziologie-Professor Didier Fassin. Das Zuschauen in Gaza werde in der moralischen Ordnung der Welt eine tiefe Wunde hinterlassen. Fassin fragt:
- Warum akzeptieren die politisch Verantwortlichen und intellektuellen Vertreter westlicher Länder bis auf wenige Ausnahmen die statistische Tatsache, dass das Leben eines palästinensischen Zivilisten um einen Faktor von mehreren hundert weniger wert ist als dasjenige eines Israelis?
- Wie ist es zu erklären, dass Demonstrationen und Versammlungen, die einen gerechten Frieden fordern, verboten wurden?
- Warum berichten die meisten grossen westlichen Medien ungeprüft und beinahe automatisch die Version der Ereignisse aus dem Lager der Besatzer und ziehen die Perspektive der Besetzten unablässig in Zweifel?
- Warum wenden so viele, die protestieren, ja aufbegehren könnten, ihre Augen ab von der Vernichtung eines Territoriums, seiner Geschichte und Denkmäler, seiner Krankenhäuser und Schulen, seiner Wohnungen und seiner Infrastruktur, seiner Strassen und seiner Bewohner. Warum ermutigen sie sogar in vielen Fällen die Fortsetzung dieser Zerstörung?
«Im Namen der Moral»
Fassin versucht, eine Antwort selber zu geben: Es geschehe im Namen der Moral selbst. Die Zerstörung Gazas und eines Teils seiner Bevölkerung würde als das kleinere Übel angesehen, das ein grösseres beseitige, nämlich die Zerstörung des jüdischen Staates. Wer deshalb von den Verbrechen spreche, welche die Israelis begehen, mache sich der abscheulichsten Form des Rassismus verdächtig: des Antisemitismus. Dies gelte insbesondere dann, wenn von Völkermord gesprochen werde, um auf das Massaker an der palästinensischen Bevölkerung hinzuweisen. Denn es sei nicht zu akzeptieren, dass die Nachkommen eines Volkes, das Opfer des grössten Völkermordes wurde, beschuldigt würden, selbst einen solchen zu begehen.
Diese Sichtweise würden die meisten Israelis heute teilen, sagt Professor Omer Bartov. Doch indem die Regierungen der USA und Westeuropas diese Sichtweise kritiklos übernehmen und in das Auslöschen des Gazastreifens einwilligen, hätten sie aus dem Holocaust falsche Lehren gezogen.
Die Erinnerung an den Holocaust als eine Art Freibrief
In seinem Anfang 2025 veröffentlichten Buch «Being Jewish After the Destruction of Gaza» warf der liberal-orthodoxe Jude Peter Beinart der israelischen Regierung vor, die Erinnerung an den Holocaust als einen Freibrief zu missbrauchen.
Beinart begründet, weshalb er von einem starken Befürworter Israels zu einem entschiedenen Kritiker des Zionismus wurde. Nach dem Holocaust habe sich beim jüdischen Leben ein Gefühl der «falschen Unschuld» eingeschlichen. Erinnerung verpflichte, zumal, wenn sie mit der absoluten Entschlossenheit einhergehe, einen Holocaust «nie wieder» zuzulassen. Wenn dieses «Nie wieder» aber zum Teil einer staatlichen Ideologie werde, die jede Bedrohung, jedes Sicherheitsproblem, jede Kritik an der Legitimität oder Rechtschaffenheit des Staates in eine existenzielle Gefahr umdeute, dann seien alle Grenzen aufgehoben.
Eine solche Weltanschauung, erläutert Beinart, erteile «fehlbaren Menschen eine grenzenlose Lizenz».
Der Holocaust-Spezialist ergänzt:
«Es ist dieses Bewusstsein des ‹Nie wieder›, das es den meisten jüdischen Bürgern Israels gestattet, sich auch dann noch moralisch überlegen zu fühlen, wenn ihre Armee, ihre Söhne und Töchter, ihre Enkelkinder jeden Quadratmeter des Gazastreifens pulverisieren. Auf perverse Weise wurde an den Holocaust erinnert, um die Auslöschung Gazas und das ausserordentliche Schweigen zu rechtfertigen, das diese Gewalt begleitete.»
Bei einer Umfrage im Mai 2024 sagten mehr als die Hälfte der befragten Israelis, der Hamas-Angriff habe Ähnlichkeit mit dem Holocaust.
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