Warum ist die Linke auch in Europa so kraft- und saftlos im Angesicht autoritärer Entwicklungen? Antwort: Weil es sie nicht gibt. Ein Interview mit einem linken US-Soziologen macht das unter anderem deutlich.
Von Roberto De Lapuente – 25. Januar 2026.
Netzfund: https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/die-linke-gibt-es-nicht/
Es ist durchaus an der Zeit, dass sich eine Linke formiert. Nein, nicht dieses Phänomen, das seit einigen Jahren den Diskurs bestimmt und in Deutschland zuletzt die Regierungsgeschäfte führte. Es würde Zeit für eine Linke, die die zentralen Fragen stellt und sie – das ist der eigentliche Anspruch von Politik – demgemäß beantwortet. Alles wäre dafür angerichtet, das Autoritäre ist mitten unter uns, fasst überall Fuß und die Politik im Westen liebäugelt stark mit dem Autoritarismus – eben nicht nur in den Vereinigten Staaten. Auch die Europäische Union will so werden, wie sie sich China heute schon vorstellt: Ein omnipräsentes Regime, das seine Bürger im Griff hat oder wahlweise in Acht und Bann schlägt, wenn sie sich dem Zugriff widersetzen.
Wo sind sie also, die Linken, die skeptisch gegenüber staatlicher Allmacht und politischen Machtmissbrauch aufbegehren? Beispiel: Neulich ordnete mir die Künstliche Intelligenz einen Artikel, den ich recherchierte, als »rechtspopulistisch« ein. Grund: In dem Text würde den Gegensatz »Volk gegen politische Elite« sehr betont. Auf »die da oben« zu schauen und sie als bürgerfern einzuordnen, war in anderen Zeiten ein Urprinzip der Linken. Jetzt gilt es als rechts. Und die Linken? Auf die kann man lange warten, denn an sich gibt es sie nicht mehr – und einige wenige, die es wirklich sind, bezeichnet man heute als Rechte. Dieses Attribut ist keine politische Kategorie mehr, sondern ein sittlicher: rechts steht in dieser Weise für widerlich, asozial, boshaft. Nicht mehr für konservativ oder autoritär. Die europäische Linke hat sich aufgelöst, auch wenn sich manche noch so labeln.
Interview mit einem Gefühllinken aus Übersee
Richard Sennett ist Soziologe – er lehrt sein Fach an der New York University. Sennett hat sich im Laufe seines beruflichen Lebens viel mit der neuen Arbeitswelt befasst, die Angestellte zu flexiblen Posten und Verschiebeobjekte degradiert hat. Sennett gilt deshalb auch als eine eher linke oder linksliberale Stimme in der amerikanischen Öffentlichkeit. Nun hat er vor einigen Tagen der Frankfurter Rundschau ein Interview gegeben. Er sollte einen Blick auf die Lage in seiner Heimat werfen – aus einer eher linken Perspektive heraus. Man muss nicht weiter erwähnen, dass er sich sorgt. Aber ganz offenbar weniger um sein Land, als um die NATO und um die »Sicherheitsarchitektur des Westens«.
Verwunderlich ist das natürlich nicht. Als jemand, der das Label »US-Linker« trägt – Sennett im Interview: »Ich zähle mich selbst zur Linken, genauer gesagt zu einer bürgerlichen Linken.« – hat man einen sehr viel geostrategischeren Blick auf eine Welt, die beiden politischen Lagern in den Vereinigten Staaten – dem konservativen und dem sehr konservativen Lager – wie ein Vorgarten vor Augen steht. Dass ein deutsches Medium einen US-»Linken« zur wichtigen Stimme auch für die europäische Perspektive erhebt: Nun gut. Dass der sich wiederum vom Zerfall einer NATO fürchtet, die in ihren Planspielen Europa – und speziell Deutschland – als Kollateralschadensmasse betrachtet: Soll das exemplarisch sein für die Linken in der westlichen Hemisphäre? Und in der Tat ist dem vermutlich wirklich so – von taz bis Die Linke: Die NATO ist ihnen essentiell wichtig. Sie zweifeln nicht an deren hehren Auftrag, Europa vor den Schrecknissen der Welt zu beschützen.
Dabei müsste man diesem Donald Trump dankbar sein, dass er das mit Grönland forciert. Ist er die berühmte List der Vernunft, von der die hegelianische Geschichtsphilosophie spricht, wenn an sich egoistische Eigeninteressen einen Zustand herstellen, der als Fortentwicklung der Weltvernunft gilt. Der Zugriff auf Grönland fällt dieser Tage mit einer Aussage des Bundeskanzlers zusammen, die aus dem Kanzleramt schon seit Jahren nicht mehr zu vernehmen war: Russland sei ein europäisches Land – und man würde wieder ins Einvernehmen mit dem Nachbarn kommen müssen. »Wenn es uns dann gelingt, in der näheren Perspektive, mit Russland wieder einen Ausgleich zu finden […], dann können wir auch über das Jahr 2026 hinaus mit großer Zuversicht nach vorne blicken«, erklärte er im genauen Wortlaut. Solche Töne aus dem Mund eines Regierungsmitgliedes vernahmen wir in der Tat lange nicht mehr. Steckt dahinter die Erkenntnis, dass man nicht im Zangengriff zwischen zwei Weltmächten stecken will – und dass uns die Russen letztlich näherstehen, als die Boys, die über dem Atlantik die Geschicke steuern?
Sennett jedenfalls fürchtet sich. Er sagt auch: »Sollte die NATO zerfallen, wäre das für Russland eine Einladung, weiterzugehen als bisher.« So gut wie alle Experten sind sich einig, dass Russland kein Interesse an Europa hat – US-Dienste bestätigen das obendrauf. Sennett geht hier auch allzu locker über den Umstand hinweg, dass Russland eben nicht über die Ukraine brauste, um gleich danach weiter Richtung Westen zu ziehen. Die Russen stecken fest, sie sind nicht die glorreichen Gewinner dieses Krieges – nein, sie sind militärisch nicht in der Lage, ihre Kriegsziele zu manifestieren. Sennett sieht es aber offenbar als linke Pflicht an, darauf hinzuweisen – als Amerikaner liegt seine diesbezügliche Argumentation vielleicht nahe. Die europäische Linke hat diese Sichtweise jedoch längst adaptiert.
Die Linke wurde amerikanisiert – und damit neutralisiert
In den letzten Jahren hat sie nun endlich angenommen, was über Jahrzehnte für die Linke in Deutschland und Europa vorgesehen war: Eine um Inhalte entkernte Linke, die den Status Quo nicht kritisch begleitet, sondern sich darin heimisch fühlt und sich den Zuständen angepasst hat. Die Systemfrage sollte überflüssig werden, zur Folklore der Linken gehören, etwas woran man sich erinnert, von dem man aber längst abgelassen hat. Längst hat die Linke diesen Zustand erreicht. Zwar sprechen einige Protagonisten noch vom Sozialismus oder Kommunismus, aber sie tun es meist mit Kalkül, wollen provozieren und auffallen. Was ihre Forderung bedeutet, wissen sie indes nicht konkret – das System ist ja auch gut zu ihnen. Oder glauben Mandatare im Bundestag, die hin und wieder auf den Sozialismus setzen und ihn einfordern wirklich, dass innerhalb eines Sozialismus so ein einträgliches System der Selbstbereicherung von jedem kleinen Volksrepräsentanten möglich wäre?
Zuletzt sprachen wir in diesem Land – und im Westen ganz generell – auf linker Seite von Emanzipationsthemen, die im Grunde völlig übersteuert wurden. Identität wurde nicht nur als Thematik forciert – es wurden gar Identitäten erfunden, um den Diskurs weiter ausdehnen zu können. Über das System sprach indes niemand mehr. Die Klassenfrage hat zudem ausgedient. Wir sprachen über Erweckungsthemen (woke gleich erwacht), aber immer weniger über Profiteure und Verlierer, über Ausbeutung und Unrecht – der Staat mauserte sich für die Linke zum Bewahrer »erwachter« Themenblöcke. Die Kritik an staatlicher Vollmacht: Auch sie gilt mittlerweile als verdächtig – die neue Linke kritisiert nie den Staat, sondern immer nur Individuen. Systemisch denkt sie nicht mehr, nur personell. Was hat ihr das Handwerkszeug aus der Hand genommen?
Der Friedensforscher Hauke Ritz beschreibt in einem Essay seines Buches »Warum der Weltfrieden von Deutschland abhängt«, dass die politische Linke in Westeuropa und insbesondere in Deutschland seit dem Kalten Krieg tiefgreifend verändert wurde. Ausgangspunkt seiner Analyse ist die gezielte Kulturpolitik der Vereinigten Staaten, vor allem der CIA, die ab den Fünfzigerjahren versuchte, den Einfluss des Marxismus und der sozialistischen Arbeiterbewegung zurückzudrängen – sie wollte also die Linke um ihre Geschichte berauben. Über den von der CIA 1950 gegründeten Kongress für kulturelle Freiheit seien Intellektuelle, Künstler, Zeitschriften, Universitäten und Stiftungen gefördert worden, um eine »nicht-kommunistische Linke« aufzubauen. Diese neue Linke habe sich zunehmend von Klassen-, Eigentums- und Machtfragen gelöst und stattdessen kulturelle, moralische und identitätspolitische Themen in den Vordergrund gestellt. Ritz interpretiert dies nicht als spontanen Wandel, sondern als strategisch begleitete ideologische Neuformierung.
Für Deutschland und Westeuropa habe diese Entwicklung laut Ritz langfristige Folgen gehabt. Die klassische Linke, die soziale Ungleichheit, Kapitalismuskritik und geopolitische Machtverhältnisse thematisierte, sei geschwächt und schließlich marginalisiert worden. An ihre Stelle sei eine akademisch und medial dominante Linke getreten, die zwar progressiv auftrete, aber das bestehende Wirtschafts- und Machtsystem nicht mehr grundsätzlich infrage stelle. Dadurch, so Ritz, sei die Linke paradoxerweise mit neoliberalen und westlich-hegemonialen Interessen kompatibel geworden. Diese ideologische Verschiebung habe Europas politische Souveränität untergraben und dazu beigetragen, dass »linke Milieus« heute häufig außenpolitische Konfrontationen und transatlantische Narrative stützen, statt sie kritisch zu hinterfragen.
Der autoritäre Ruck: Von den Linken mitverursacht
Der autoritäre Ruck, den wir in Europa – und auch in den Vereinigten Staaten – beobachten, ist kein Einfall in geordnete bürgerliche Verhältnisse und auch kein exklusives Projekt der Rechten. Er wurde vorbereitet, legitimiert und teilweise sogar begeistert begleitet von jenen Kräften, die sich selbst noch immer links nennen. Indem die Linke den Staat nicht mehr als potenziell repressives Machtinstrument begreift, dem man mit Skepsis begegnen sollte, sondern ihn als moralisch überhöhten Akteur deklarierte, hat sie ihm eine Art von Freibrief ausgestellt. Einst pflegte man Misstrauen gegenüber Zentralisierung, Überwachung und Ausnahmezuständen – seit geraumer Zeit zeigen jene vermeintlich linken Kräfte Verständnis für solcherlei Maßnahmen; sie rechtfertigen sie sogar. Autorität wird nicht mehr nach ihrer Wirkung auf die Machtbalance beurteilt, sondern nach der vermeintlich richtigen Motivation und Gesinnung. Das ist ein fundamentaler Bruch mit linker Tradition.
Durch die oben geschilderte Amerikanisierung verlor die europäische Linke zugleich ihre kulturellen Anknüpfungspunkte. Die hiesige Linke speiste sich historisch aus Arbeiterbewegung, Aufklärung, Klassenbewusstsein, Gewerkschaften, Antimilitarismus und einem tiefen Misstrauen gegenüber Imperien, Machtblöcken und staatlicher Vollmacht. Die geheimdienstlich forcierte Unterwanderung hingegen ersetzt diese Traditionen durch einen Liberalismus, den man in den Vereinigten Staaten gerne auch als Left bezeichnet, der aber mit der europäischen Linken keine Tradition teilt und nicht dieselben Wurzeln aufweist. So dominieren statt materieller Interessen billige Haltungsfragen – und statt Sozialem arbeitet man sich an Symbolik ab. Dadurch wirkt die heutige Linke in Europa kulturell entwurzelt: Sie spricht nicht mehr die Sprache ihrer eigenen Geschichte, sondern reproduziert fremde Deutungsmuster, die mit den Erfahrungen, Kämpfen und sozialen Realitäten der historischen europäischen Linken kaum noch Gemeinsamkeiten aufweist.
Hinzu kommt eine merkwürdige Verkehrung von Verantwortung. Während ökonomische Macht, Konzerninteressen und geopolitische Strategien kaum noch systematisch analysiert werden, richtet sich der moralische Eifer gegen Individuen. Sprache, Verhalten und Haltung werden kontrolliert, korrigiert und sanktioniert. Der Staat liefert dafür die passenden Instrumente, die Linke die moralische Rechtfertigung. Autoritarismus erscheint so nicht als Gewalt von oben, sondern als pädagogische Maßnahme, dessen Dienstherr der unverbrüchliche Glaube an den Fortschritt ist. Denn nur so lasse sich ein neuer Mensch erziehen.
Exemplarisch lässt sich diese Entwicklung an jenem Interviewten nachvollziehen, von dem bereits die Rede war: der Soziologe Richard Sennett. Er klingt im Gespräch so, als sei die Linke zwar ausgebrannt, aber auch Opfer der zeitgenössischen Verhältnisse. Wurde sie von Donald Trump überrumpelt? Oder hat sie die Wahl dieses Mannes nicht erst begünstigt? Sennett hält dergleichen heraus, stattdessen sorgt er sich um die »fragile NATO«. Er tritt als Verteidiger westlicher Ordnungsstrukturen auf, deren autoritäre Züge er nicht weiter problematisiert. Er ist zugegeben weitaus weniger larmoyant als andere »linke Stimmen«, die wie die Unschuldslämmer tun, wenn sie auf Trump zu sprechen kommen – aber auch bei ihm spürt man, dass diese »Linke« nicht ursächlich für die Verschiebungen in den Vereinigten Staaten ist. Wahr wäre jedoch, dass ohne Joe Biden keine zweite Amtszeit Donald Trumps möglich geworden wäre – die Überdehnung der Wokeness zulasten sozialen Ausgleiches – das totale Versagen der US-Demokraten also –, hat die Wiederwahl erst Wirklichkeit werden lassen.
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