Während Mitarbeiter des Europäischen Parlaments die leeren Plätze der Abgeordneten einnehmen, erhalten Angela Merkel und Wolodymyr Selenskyj den EU-Verdienstorden.
Von Franz Becchi – 19. Mai 2026.
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Vor dem Europäischen Parlament in Straßburg stauen sich Dutzende Traktoren protestierender Landwirte. Sie demonstrieren gegen die Politik der Europäischen Union – gegen steigende Energiepreise, hohe Düngerkosten, Sanktionen und den wachsenden wirtschaftlichen Druck auf die Landwirtschaft. Währenddessen wird drinnen Europas politische Elite mit Orden und Ehrungen gefeiert.
Unter den Geehrten sind der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die mit dem „Europäischen Verdienstorden“ ausgezeichnet werden – einem neuen Preis anlässlich des 75. Jahrestags der Schuman-Erklärung. Die Medaille gilt als Ehrung für die „Crème de la Crème“ Europas. Zu den weiteren Preisträgern zählen unter anderem der frühere EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sowie der ehemalige polnische Präsident Lech Wałęsa.
Insgesamt werden 20 Persönlichkeiten dafür geehrt, dass sie in Zeiten globaler Unsicherheit „gemeinsame Werte“ wie „Frieden“, „Demokratie“ und „Menschenwürde“ verteidigen.
Von der Leyen verteilt Medaillen
Um 11.25 Uhr tragen Mitarbeiter schwarze Stühle in die Mitte des Parlamentssaals und ordnen sie kreisförmig an. Ein Plakat mit der Aufschrift „Europäischer Verdienstorden“ wird am Hauptpult befestigt. Kurz darauf treffen die ersten Abgeordneten ein – einige begrüßen sich herzlich und tauschen Umarmungen aus. Voll wird der Saal zu Beginn der Veranstaltung um 11.45 Uhr jedoch nicht. Dann treffen Roberta Metsola, Angela Merkel und Ursula von der Leyen im Saal ein. Selenskyj ist jedoch nicht zu sehen.
Zu den ersten Geehrten gehört die ukrainische Juristin Oleksandra Matwijtschuk, der von der Leyen – in ihrem markanten lachsrosa Jackett – die Medaille um den Hals legt. „Putin hat einen groß angelegten Krieg begonnen und betrachtet die Ukraine als Tor nach Europa“, sagt Matwijtschuk. „Andere europäische Staaten sind sicher, weil die Ukrainer standhalten“, fügt sie hinzu. Europa müsse „Demokratie“ und „Freiheit“ verteidigen. Das Wort „Frieden“ erwähnt die Friedensnobelpreisträgerin von 2022 in ihrer Rede hingegen nicht. Stattdessen schließt sie mit dem Slogan: „Slava Ukraini!“ („Ruhm der Ukraine“).
Dieser politische Slogan stammt ursprünglich aus dem ukrainischen Unabhängigkeitskampf im frühen 20. Jahrhundert. Er wurde später, im Jahr 1941, von der kollaborierenden ukrainischen Nationalistenbewegung (OUN-B) offiziell als Gruß – teils in Verbindung mit einem erhobenen Arm – genutzt.
Als die moldauische Präsidentin Maia Sandu die Bühne betritt – die im vergangenen September die Wahlen gewann, nachdem Teile der Opposition ausgeschlossen worden waren –, bricht lauter Applaus aus. Es kommt zu einer Standing Ovation. Sie spricht von der „russischen Bedrohung“ und dem weiteren Integrationsweg Moldaus innerhalb der EU.
Selenskyj bleibt Preisverleihung fern
Plötzlich steht ein moldauischer Journalist auf der Pressetribüne auf: „Maia Sandu ist eine Diktatorin!“, schreit er wie im Fußballstadion. „Sie fördert eine korrupte Politik!“, ruft er immer lauter, während er von zwei Personenschützern in Anzügen an den Armen gepackt und hinausbegleitet wird.
Danach wird schnell verkündet, dass drei „Ehrenmitglieder“ nicht erscheinen konnten, darunter Sauli Niinistö, der ehemalige Präsident der Republik Finnland, der für seinen Einsatz beim Nato-Beitritt Finnlands geehrt wird. Auch Selenskyj ist am Ende nicht persönlich anwesend.
Anschließend ist Altkanzlerin Merkel an der Reihe. Von der Leyen legt ihr die Medaille um, dann ergreift Merkel das Wort: „Wir leben in Zeiten, in denen sich alles ändert und Gewissheiten zerbrechen.“ Es gebe aber Konstanten. Dann listet Merkel drei Versprechen der EU auf, die nach wie vor Bestand hätten.
Das Friedensversprechen sei erst durch den „barbarischen Angriff Russlands auf die Ukraine“ infrage gestellt worden. Deswegen kehre man jetzt zu einer Verteidigungsunion zurück. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien erwähnte Merkel in diesem Kontext nicht. Für das Versprechen des Wohlstands hätten die EU-Abgeordneten noch „viel Arbeit“ vor sich; man solle sich hierfür ein Beispiel am „Mario-Draghi-Bericht“ nehmen.
Zu guter Letzt stehe die Demokratie wegen Desinformation unter Druck. „Fakten und Gefühle werden vermischt“, sagt Merkel. „Dass man für Lügen nicht zur Rechenschaft gezogen wird, gefährdet die Grundlage der Demokratie“, fügt sie hinzu. Daraufhin bricht im Parlamentssaal Applaus aus – und als die europäische Hymne ertönt, erheben sich alle von ihren Plätzen.
Doch nicht alle zeigten sich von der Veranstaltung begeistert. Die Verleihung des Europäischen Verdienstordens löste auch Kritik aus. Der EU-Abgeordnete Fabio De Masi (BSW) blieb der Zeremonie demonstrativ fern. „Ich halte es für eine Unsitte, dass die großen Fraktionen sich einen Verdienstorden geschaffen haben, den sie dann freihändig an ihre eigenen Leute und pensionierte Politiker verleihen“, sagte der BSW-Politiker der Berliner Zeitung. „Die Inflation der Verdienstorden hat einen Hauch von DDR.“
Es spreche zudem Bände, dass der ukrainische Präsident trotz massiver Korruptionsvorwürfe gegen sein engstes Umfeld geehrt werde. „Auch Selenskyj selbst war mit seinen Offshore-Konten Gegenstand der Pandora Papers“, so De Masi.
Martin Sonneborn (Die Partei) sitzt derweil an einem langen Tisch in der Bar des EU-Parlaments. Er war während der Veranstaltung an seinem Platz und weist darauf hin, dass leere Plätze im Saal von Mitarbeitern des Europäischen Parlaments besetzt wurden. Selbst zu DDR-Zeiten sei so etwas nicht nötig gewesen: „Ich werde Beschwerde einlegen, dass sie nächstes Mal zumindest durch gut aussehende, gelaunte und vielleicht in der MEP-Bar betrunkene Personen ersetzt werden – oder durch Leute von der Straße“, sagt er und isst seine Brezel.


