Zum Inhalt springen
Startseite » Beiträge » Ich, eine der Kassandras, sehe Berlin am 21.08.22

Ich, eine der Kassandras, sehe Berlin am 21.08.22

    Von Kassandra.

    In diesen Tagen sind die Paläste der Macht für das gemeine Volk geöffnet worden – man heuchelt Transparenz und Volksnähe …

    Meine Schwestern und ich ziehen mit den Menschen vor den Bau, welcher auch in Pjöngjang stehen könnte, und in meinen Augen nichts als Menschenferne und Größenwahn ausdrückt – losgelöst aus jedem gemeinschaftlichen Zusammenhang.

    Wir stehen also vor dem grauen Kubus, in dessen Schlund die Menge strömt, um seinen gottlosen, gewissenlosen und hässlichen Potentaten zu sehen, der an diesem Tage extra dort weilt, um die Menschen weiter in seinem Banne zu halten. Eine Militärkapelle spielt dazu schmissig auf.

    Ich bin froh, mich endlich wieder ausdrücken zu können, aber auch aufgeregt und in Sorge über mögliche Reaktionen meiner Mitmenschen.

    Angesichts der allgemeinen Lage hätte ich überall in den Straßen kleine Lager des Protestes erwartet, aber zu meinem Erstaunen (ja, ich erstaune noch immer!) gab es an diesem Tag in der Hauptstadt nirgends politische Kundgebungen oder Andersdenkende (wir erkennen uns) zu sehen.

    Dass überall auf dem großen, sonnigen Platz verkleidete Häscher verteilt sind, um etwaige Unmutsbekundungen sofort zu unterdrücken, fällt mir nicht auf; die Freunde, die mit uns sind, haben es aber sehr wohl gesehen.

    Heute bin ich losgezogen, um zu sagen, was ich sehe.
    Das kann ich meinen Mitmenschen nicht immer und überall zumuten, aber heute möchte ich meine eigene Stimme wieder im Angesicht der Macht hören (lassen).

    So klar wie möglich soll sie klingen und so deutlich wie möglich soll sie ausrufen, was uns allen droht. In welch großer Gefahr das Volk schwebt.

    Ich möchte Worte finden, die verstanden werden, nicht abgewehrt.

    Ich möchte erreichen, nicht verschrecken.

    Und doch kann ich meine wachsende Verachtung für die Bürger und den Abstand, den ich inzwischen zu ihnen habe, kaum noch verhehlen – gibt mir doch das auch und gerade die Kraft, mich aufrecht vor ihnen hinzustellen….

    Doch wurde jeder Einzelne von ihnen mit List und Tücke durch das System erobert und steht mir nun abweisend gegenüber. Fenster und Türen werden verschlossen, wenn ich mich blicken lasse, Wachs in Ohren geknetet, wenn ich meine schreckliche Stimme erhebe. (Ja, so schrecklich ist sie …)

    Es werden Zaubersprüche gemurmelt, Bannstrahle ausgesandt und abergläubische Rituale ausgeführt, um der katastrophalen Nachricht zu entgehen.

    Ich möchte Sätze sagen, die groß sind. Groß genug, um Raum für Viele zu lassen. Sätze, in denen sich nicht gleich jeder verfängt und zu kämpfen beginnt.

    Die wie eine gute Architektur dazu einladen, sich umzuschauen und den Geist schweifen zu lassen, in Resonanz zu gehen.

    Sätze, die in die besetzten Festungen eindringen und mit dem kalten Wasser der Klarsicht allen Unrat hinausspülen.

    Meine Schwester schlägt leicht die Triangel, das Drama beginnt, ich öffne den Mund.

    Was danach geschah, ist hier dokumentiert: https://freie-linke-berlin.de/rotor/hoeret-die-kassandras/ und hier:

    https://kraut.zone/videos/embed/e9229216-bbb0-40b2-b273-1097cd927025

    Du interessierst dich fürs Thema. Nimm Kontakt zu uns auf.