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Atomisierte Spatzenhirne

    (Am Wegesrand)

    Von Corinna Laude.

    Habe ich schon gesagt, dass ich bei „twitter“ bin?

    Seit drei Monaten. Anderthalb Monate davon war ich nicht da. Heute war ich wieder einmal dort, weil „tweets“ von da andernorts die Runde machten.

    Und jetzt werde ich dort lange Zeit wieder nicht mehr sein.

    Weil das da ja grauenhafter ist als jede ungepflegte Wellensittich-Voliere.

    Nicht, dass ich mich mit Wellensittich-Volieren sonderlich auskennte – aber was in der „twitter“-Welt passiert, soviel weiß auch ich, das grenzt an Batterie-Hennen-Käfighaltung, nur dass dort ganz viele männliche Vögelein zwitschern und – so oder so – kein einziges Ei dabei herauskommt.

    Wer dort hineingerät, landet zunächst in einem völlig ungerichteten Raum des lautesten Schreiens.

    Ich hielt mir damals die Ohren zu, eilte zitternd nach hinten ans Gestänge und versuchte, mich zu orientieren – allein: Bis heute gelang mir das nicht.

    Ich bin ein Mensch, der mit Karteikästen-Bibliothekskatalogen und mit Bibliographien in Buchform sozialisiert wurde, der lernte, aus Fußnoten in Büchern auf weitere Bücher zu stoßen, der die Aufstellsystematik des Preußischen Bibliothekskatalogs (sowie auch anderer Bibliothekskataloge) und all ihre Zufallsentdeckungen genossen hat auf langen, mal konzentrierten, mal schweifenden Wegen über alle Regalhöhenmeter da auf den rollenden Leitern.

    Meine eigenen Texte sind in andere eingegangen, so wie unzählige fremde Texte durch mich hindurch und manchmal in meine Texte eingegangen sind. – Bis heute könnte ich alle Qualitäts-, aber auch alle Zufallsfaktoren ziemlich präzise benennen, die zu dieser Textgenese aus Texten führte, damals, zu meiner Zeit.

    „twitter“ – eine Textentstehungsmaschine – hat mich jetzt scheitern lassen.

    Bis heute verstehe ich die Regeln nicht. Weder finde ich irgendeine Form von sachlicher Systematik noch ein (eher zu vernachlässigendes, aber für Anfänger zu meiner Zeit nicht unwesentliches) inhaltliches Qualitätsmanagement (Stichwort: Rezension).

    „twitter“ bietet sich mir dar als Alles und Nichts, als das gesamte behauptete Weltwissen inklusive aller Pupse, Verstotterer und Stinkbomben (um von Schlimmerem zu schweigen).

    Dass man dort Leuten „folgen“ muss, um ‚Nachrichten‘ zu empfangen, habe ich begriffen. Nur bin ich noch nie Leuten gefolgt, sondern – oft mit Widerstreben – Gedanken in Büchern, die mich zu anderen Büchern oder Texten führten.

    Dass man dort Nachrichten empfängt, die vom Bruchteil der Länge einer morgendlichen Liebeserklärung meines toten Lebensmenschen sind, habe ich begriffen.

    Nur würde ich so etwas nie als „Nachricht“, als „Information“, als „von Bedeutung“ bezeichnen.

    Dass man dort seinerseits auch nur solche gestammelten Stummeltexte oder formvollendete Haikus absetzen kann, habe ich begriffen.

    Nur bin ich keine Haiku-Dichterin und habe auf „twitter“ noch keinen Haiku-Dichter getroffen.

    Was ich dort angetroffen habe, das waren die von mir in meiner Verzweiflung mangels Orientierungsmöglichkeiten vor Ort (SYSTEMATISCHER KATALOG, bitte!) subjektiv ausgewählten „Namen“.

    Ich habe X und Y und Z mit der Suchfunktion gefunden und konnte denen dann ‚followen‘. X und Y und Z kannte ich aus den Mainstream-Medien oder den Alternativen Medien. Die ‚followen‘ anderen X, Y und Z – und die ‚followen‘ wiederum oft ihnen und noch öfter anderen.

    Und all diese sich gegenseitig irgendwie, irgendwo in Potenz followenden „twitter“-Personen oder „twitter“-Institutionen X², Y² und Z² bekunden dort, auf „twitter“, mindestens 1 bis 2 Mal am Tag ihr Befinden. – Doch was heißt „Institutionen“ oder gar „Personen“? Leben die noch oder sind die schon transhuman, schlägt da noch ein Herz in einer Brust oder nur ein Algorithmus in einem Bot? Denn auch Bots können das ja nun mittlerweile mit dem Befinden, das auf „twitter“ täglich myriadenfach gezwitschert wird.

    Besserenfalls bekundet man dort Gedankeninhalte in Haiku-Kürze – nur eben ohne Haiku-Schärfe und -Schönheit – und ebenfalls im Schnitt mindestens so ein- bis zweimal am Tag.

    Natürlich „twittern“ die Followenden in beiden Fällen, was wiederum ein „twittern“ der Gefollowerten zur Folge hat, was wiederum – genau.

    Und als ich das begriff, wurde mir klar, dass ich nicht in einer Wellensittichvoliere, nicht in einem Singvogelfreigehe und nicht in einer Legebatterie gelandet war, sondern in einem Flohzirkus ganz selbstgenügsamer Art, dessen Publikum zu den todesmutigen Artisten dazugehört.

    Ein Flohzirkus ist die menschliche Gattung geworden.

    Wir können also all unsere (ohnehin immer sonntagsredenverlogenen) Bemühungen um den Erhalt unserer Bibliotheken und der ihnen, also uns Menschen, eigenen Verstandeskultur aufgeben:

    Ein Flohzirkus ist die menschliche Gattung geworden, der sich einbildet, eine Legebatterie oder gar die Population eines Singvogelgeheges zu sein und zur Aufrechterhaltung dieser Illusion Algorithmen teert und federt, um sie als gefiederte Bots zu sich auf die Stange zu setzen.

    Und der sich weigert, den Zirkusdirektor zu sehen.

    Mich interessiert – mit allem Ekel und in aller Fassungslosigkeit, die damit einhergehen – diese Nummer ein wenig; mich interessieren, das muss ich gestehen, so alle paar Wochen bis Monate für ein paar Stunden mal all die Salti, all die Trapezaufschwünge, all die – wir sprechen über Flöhe, menschliche oder transhumane! – Gesangseinlagen. Aber ich sitze auch hinten am Rand des Zirkuszelts, müsste nur von der Bank da oben, an deren Rand ich sitze, nach links mich fallen lassen, da wäre dann der Ausgang.

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