Eine wichtige Widerlegung des so oft missbräuchlich verwendeten Begriffs des Sozialdarwinismus
Rezension von Matthias Bröckers – 10. Oktober 2026.
Netzfund: https://www.seniora.org/uebersicht-aller-hinweise-auf-buecher/die-gegenseitige-hilfe-in-der-tier-und-menschenwelt-peter-kropotkin?highlight=WyJrcm9wb3RraW4iXQ==
(Red.) Pro Memoria! Wir erinnern wieder an das grosse Werk des Naturforschers Peter Kropotkin, weil es ein starkes Gegengewicht gegen den derzeit politisch-medial aufgeputschten Kriegswahn sein kann. Das Wissen um die Sozialnatur des Menschen, der biologisch nicht zum Krieg verdammt und geboren ist, wird den wachsenden Widerstand gegen eine aus dem Ruder laufende Kriegslogik verstärken. (ww)
Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Freunde, Peter Kropotkins «Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt» ist eine unserer wichtigsten Buchempfehlungen, weil darin die Sozialnatur des Menschen klar dargestellt und wissenschaftlich untermauert wird. Es kann uns gerade heute in unserer orientierungslosen und medial vernebelten Zeit Hoffnung und Zuversicht geben, dass es besser werden wird und der gesunde Menschenverstand nicht vollkommen ausgeschaltet werden kann. Auch der zunehmende Genossenschaftsgedanke und die erfreuliche Entwicklung einer multipolaren Welt geben zu berechtigter Hoffnung Anlass. Somit wird wiederum einmal klar, dass Krieg und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht unserer Natur entspricht, sondern andere Gründe hat. Alfred Adlers epochale Erkenntnisse über das Werden des Charakters des Menschen in den frühen Kindertagen und -Jahren in Beziehung zu seinen Eltern, resp. Beziehungspersonen, fußen nicht zuletzt auch auf Kropotkins Untersuchungen. Obwohl das Buch 1904 in England erschien und 1975 bei Karin Kramer Verlag herausgegeben wurde, ist der Bekanntheitsgrad bescheiden geblieben. Das Buch gehört in die Hände aller, die sich um Erziehung, Schule und Bildung bemühen. Das ist unser Wunsch. Herzlich Margot und Willy Wahl
Matthias Bröckers schreibt 2013: Für das Buch “Gewinn für alle – Genossenschaften als Wirtschaftsmodell der Zukunft”, das zur Leipziger Buchmesse im kommenden Monat erscheint, habe ich einige kurze Porträts wichtiger Vordenker des Genossenschaftsgedankens geschrieben. Nachdem Genossenschaften lange nur noch als frühsozialistische Utopie bzw. aktuelles Beispiel für zwangskollektivierte kommunistische Mißwirtschaft galten, sind sie jetzt wieder ein Zukunftsmodell – in den letzten drei Jahren wurden in Deutschland mehr als 700 neue Genossenschaften gegründet.
Die egalitäre Grundregel “one (wo)man one vote”, nach der jedes Mitglied unabhängig von seiner Kapitaleinlage eine Stimme hat, schützt diese Unternehmensform nicht nur vor Heuschrecken, sondern hat zum Beispiel auch dafür gesorgt, dass Genossenschaftsbanken und Credit Unions (wie sie in den USA heißen) von der Bankenkrise kaum betroffen wurden. Weil das Interesse ihrer Mitglieder nicht auf maximale Profitsteigerung durch Casinowetten gerichtet ist, sondern auf günstige Kredit,-und Bankdienstleistungen, mußten sich die Genossenschaftsbanken beim Zocken zwangsläufig zurückhalten. Die vor mehr als 150 Jahren entwickelten Grundsätze des Genossenschaftswesens scheinen insofern heute wieder zeitgemäß und marktkonform. Deshalb lohnt es auch, den Pionieren wieder Aufmerksamkeit zu schenken: dem kirchenfrommen Beamten Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Liberalen Hermann Schulze-Delitzsch, dem Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle oder dem “Utopisten” Charles Fourier. Den Anfang machen wir jedoch mit einem meiner persönlichen Hausheiligen, dem Anarchisten Fürst Pjotr Kropotkin.
Nachdem Fürst Pjotr Kropotkin (1842 –1921) als Spross eines alten russischen Adelsgeschlechts die militärische Eliteschule als Jahrgangsbester abgeschlossen hatte, ließ er sich statt auf die Karriereleiter in St. Petersburg zu einem Kosakenregiment in das damals noch unkolonisierte Sibirien versetzen, wo er fünf Jahre lang geographische Studien und Naturbeobachtungen betrieb. Nach seinem Austritt aus dem Militär studierte er Geographie und wurde durch wissenschaftliche Veröffentlichungen bekannt.
Bei seiner ersten Auslandsreise lernte er 1872 die genossenschaftlich arbeitenden und egalitär organisierten Uhrmachervereinigungen im Schweizer Jura kennen. Fortan versuchte er, diese Ideen in Russland zu verbreiten, worauf er 1874 von der zaristischen Geheimpolizei verhaftet und in Festungshaft genommen wurde. Nach einem spektakulären Ausbruch konnte er 1876 nach London fliehen und bekam als renommierter Geograph eine Anstellung bei der Zeitschrift Nature.
Als Antwort auf die zu dieser Zeit einsetzende Überbetonung der Thesen Darwins vom „Kampf ums Dasein” und „Überleben des Stärkeren” verfasste Kropotkin eine Artikelserie, aus der 1902 sein berühmtestes Buch wurde: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“.
Sein Blick ist dabei weniger auf Einzelwesen, sondern auf deren Kooperationen und Verbünde gerichtet, die er bei seinen Beobachtungen in Sibirien nicht nur in der unberührten Natur, sondern auch in Form von „unzivilisierten”, noch halb nomadisch lebenden Stämmen menschlicher Bewohner erlebte.
Kropotkin konnte bei seinen Studien, obwohl er „emsig darauf achtete, nicht jenen erbitterten Kampf um die Existenzmittel zwischen Tieren, die zur gleichen Art gehören, entdecken. Und es war dieser Kampf, der seitens der meisten Darwinisten – keinesfalls aber ständig von Darwin selbst – als das typische Kennzeichen des Kampfes um das Dasein und als Hauptfaktor der Entwicklung betrachtet wurde.“
Kropotkin leugnet nicht das natürliche „Fressen und Gefressenwerden”, er macht nur deutlich, dass dies nur die eine Seite der Evolutionsmedaille sei: Fitness beim „survival of the fittest” bedeutet nicht maximale Stärke und Rücksichtslosigkeit, sondern optimale Fähigkeit zur Kooperation und Anpassung an das Gesamtsystem. Kropotkin kritisiert Rousseaus idealisiertes Menschenbild vom „edlen Wilden” ebenso wie Thomas Hobbes These, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei und nur mit Gewalt von oben gebändigt werden könne. Der natürliche Zustand des Menschen ist für ihn nicht einer des Kampfes, sondern einer der Verbundenheit, die nach Kropotkins Analyse im Lauf der Geschichte zerstört wurde: durch die Ausdehnung des Staates in die dörflichen Selbstverwaltungsstrukturen hinein und weil durch die Privatisierung des Gemeineigentums zum Nutzen weniger Herrschafts- und Machtsysteme entstanden.


