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Neulich beim Spaziergang

    Von Corinna Laude.

    Wenn ich nicht mehr weiter weiß, rolle ich mich entweder im Bett ein, klemme mir das flitzerote Fahrrad unter den Po und die Straße unter seine Reifen, oder gehe spazieren. Die beiden bewegungsreicheren Varianten bergen durchaus ihre Vorzüge. Insbesondere diejenigen der letztgenannten Variante aus dem breiten Spektrum menschlicher Verhaltensweisen im Falle des Nicht-mehr-weiter-Wissens habe ich seit kurzem schätzen gelernt. Doch prinzipiell ist mir die erste die liebste.

    Neulich aber, da ging ich wieder einmal spazieren, als ich nicht mehr weiter wusste. Aus mir noch völlig undurchschaubaren Gründen entscheide ich mich seit einigen Wochen immer montags für diese Variante, während ich schon seit geraumer Zeit donnerstags flitzerotes Radeln und ansonsten das Einrollen bevorzuge. Denn weiterwissen tu ich schon längst nie mehr.

    Und wie ich da am letzten Montag so spazieren ging, wie immer abends mit Beginn der Dämmerung (vor kurzem auch noch gänzlich in der Dunkelheit), an Benjamins Passagen-Werk und Hessels Spazieren in Berlin dachte – und daran, dass ich die beide noch lesen muss –, da landete ich wie so oft in einer Fußgängerzone und mithin Einkaufsmeile.

    Vor kurzem hat mir das noch sehr eingeleuchtet, denn Einkäufe, die über die Besorgung von Lebensmitteln und Clopapier hinausgingen, waren ja mir und Millionen anderer Menschen monatelang auf Herrschaftsgeheiß hin untersagt worden. Und dass meine montäglichen Spaziergänge mich während dieser Zeit der Teilhabe am allerminimalsten Existenzminimum ausgerechnet in jene pedestrielle Konsumwelt flanieren ließen, erschien mir da sehr sinnfällig, denn der Flaneur betrachtet von draußen, analysiert als außenstehender Betrachter und macht sich von dort: von außen, seinen Reim darauf, was er hinter den Schau-, Restaurant- und Bürofenstern, inmitten der Paare, zwischen den spielenden Kindern, unter den schnuppernden Hunden und in all dieser Geschäftigkeit sieht (und manchmal macht er sogar ein ganzes Buch daraus).

    Warum ich aber nun, also am letzten Montag, als dieses Herrschaftsgeheiß von der Herrschaft wieder einkassiert worden war, und zwar aus ebenso unklaren Gründen wie aus denen, aus denen sie es zuvor erlassen hatte, – warum ich da erneut in jener mir jetzt plötzlich wieder fast voraussetzungslos offenstehenden Warenhölle landete, als ich so vor mich hin spazierte, das erschloss sich mir zunächst nicht.

    Meine Irritation ließ mich, wie ich da so am Anfang der Fußgängerzone stand, nach der von mir seit Monaten immer ums Dekolleté mitgeführten, winzigen Lichterkette greifen: Sie, die mir bislang verlässlich ein Licht in der Finsternis gewesen war (und anderen eins aufstecken sollte), würde mich vor den Versuchungen des sich mir nun auf Herrschaftsgeheiß wieder darbietenden Konsuminfernos bewahren, denn sie steckte mir per Spiegelung in den Schaufensterscheiben ja selbst ein Licht auf.

    Von ihrem zarten Leuchten als Flaneuse gefestigt, ließ ich mich also auf meinem montäglichen Spaziergang weitertreiben.

    Wie immer war ich nicht allein. – Nun mag man einwenden: „Wie soll jemand auch montagabends gegen 18 Uhr in einer Fußgängerzone allein sein?“ Ich indes präzisiere: Wie immer war ich nicht allein als Flaneuse mit mobilem Licht. Und das, das grenzt dann doch an ein Wunder!

    Jeden Montag, seitdem mich mein Nicht-mehr-weiter-Wissen um- und auf Spaziergänge treibt, klassisch in der Tradition eines Benjamin, eines Hessel und postklassisch im neuen Zeitalter, das die Herrschaft nach einem Erkältungsvirus benannt hat, dessen Namen ich vergessen habe, weil er nichts zur Sache tut, – jeden Montag auf meinen reminiszensgesättigten und geschichtslosen Spaziergängen inmitten meines Ich-weiß-nicht-mehr-weiter geschieht dieses Wunder:

    Es laufen unzählige Flaneure und Flaneusen, etliche in mobilem Lichterglanz, durch diese Stadt, ihre Straßen und Fußgängerzonen. Ein jedes allein für sich, ein jedes ein klassischer Flaneur: draußen jenseits aller Gemeintümelei, beobachtend, sich seinen eigenen Reim machend.

    Wenn wir unser gewahr werden, grüßen wir uns mit einem respektvollen Kopfnicken, manchmal auch mit einem Handschlag. Nach der dritten, vierten, fünften Begegnung umarmen wir uns kurz, um schnell wieder den anderen in seine Flaneur-Freiheit zu entlassen.

    Oft flanieren wir eine Weile gemeinsam, eine Stunde oder auch zwei – beim Spazierengehen ist Zeit bekanntlich kein Faktor. Wir reden. Wir schweigen. Spontan kommt es sogar dazu, dass wir stehenbleiben. Dann stellen wir manchmal fest, dass wir über hundert, über zweihundert, sechshundert sind, und verfallen aus purem Staunen aus dem Sprechen oder Schweigen ins Singen. Es legt sich dann ein Text auf unsere Zungen, der zum Flaneur und seiner Einsamkeit, die pure Eigenständigkeit ist, trefflich passt, ein sehr altes Volkslied des Titels „Die Gedanken sind frei“.

    Und so war es auch am letzten Montag.

    Mehreren Flaneusen in meiner Umgebung war dieser Text wieder auf die Zunge gerutscht, diesmal im Spazierengehen. Ich selbst schwieg und hörte ihnen zu wie auch mit dem anderen Ohr zwei Flaneuren neben mir, die – beide eine kleine Petroleumlampe in der Hand – miteinander eine dieser klassischen Flaneur-Konversationen betrieben, in denen man sich seine eigenen Reime macht, dem anderen schenkt, von ihm mit dessen Reimen beschenkt wird, zwei Lichter aufgesteckt werden, und dann herrscht wieder Schweigen, aber die Fußgängerzone, die Straße, die Stadt ist für einen Moment etwas heller geworden.

    Dann lief mein Spaziergang auf einen Obst- und Gemüsestand zu, der in dieser Fußgängerzone stets an derselben Stelle aufgebaut ist. Ich erblickte – mitten im Spätwinter – Beeren. Dunkelsamtig, prall und fast schon duftend löckten sie.

    Ich bedachte, was es seit all den Flaneuren der Weltliteratur heißt, eine von ihnen zu sein, gedachte der Sinnenfreuden, beschleunigte meinen Schritt, griff nach meinem Portemonnaie: diese Beeren!!! Für 3,50!

    Und wurde abrupt gestoppt.

    Eine Hundertschaft der Schwarzen Soldateska, die die Herrschaft und ihre Lakaien aus nostalgischen Gründen immer noch „Polizei“ nennen, baute sich vor mir auf und hinderte mich an jedem weiteren Schritt. Sie setzte mich fest, umstellte mich etwa 40 Mann hoch und belegte mich mit einer Ordnungswidrigkeitsstrafe.

    Im ersten Moment war ich tatsächlich froh darüber, denn ich dachte ernsthaft: „Ja, ich bin dem Kaufrausch verfallen ob des Anblicks dieser Beeren, habe meine Existenz als Flaneuse vergessen, und dafür muss ich nun bezahlen.“

    Dass da die Lichterkette um meinen Hals zart zu pulsieren begann, wies mich bereits auf meinen Trugschluss hin. Ihn erkannte ich erst recht, als ich dieses Lichtpulsen auf einer jener dunkelsamtigen Beeren in dieser Pappschale unter dem Baldachin des Obststands bemerkte und sie mir plötzlich in den Mund sprang.

    So überraschte es mich dann nicht mehr, wie die Schwarze Soldateska die über mich verhängte Ordnungswidrigkeitsstrafe begründete: Ab übermorgen seien Menschen mit Licht total verboten und dürfe schon vorher keiner, auch die ohne Licht nicht, noch irgendwelche – noch dazu a-saisonalen, pfui, du Ökoschwein! – Beeren kaufen.

    Während die drei von der Soldateskahundertschaft mir dieses Urteil verkündeten, aßen sie und ihre 97 KumpanInnen den Obststand leer.

    Mir wurde dann ein Platzverweis erteilt. Deshalb sah ich nicht mehr, sondern hörte nur noch, wie auf Funkanweisung der Herrschaft die Soldateska die zwei Obst-Verkäufer, die mittlerweile versucht hatten, unter dem Holzgestell ihres Standes Zuflucht zu suchen, auch noch aßen. Und ich hörte, dass das beklatscht wurde von einem Publikum etwa so groß wie das der Berliner Opernhäuser und Theater, in denen ich einst, vor Äonen, mitgeklatscht hatte. Auch am nächsten Montag werde ich nicht mehr weiter wissen. Und mich erneut des Flanierens besinnen; da wird’s für meine Füße dann wieder kein Halten mehr geben, und auch für Licht wird gesorgt sein.

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