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Neulich hinterm Megafon

    Von Corinna Laude.

    Wenn ich auf den Montagsspaziergangsdemonstrationen bin, versuche ich, mit den Menschen dort ins Gespräch zu kommen: Es sind so viele ganz verschiedene Menschen, und ein jeder hat ein schweres Corona-Politik-Päckchen zu tragen. Ich bin nicht gut im Gesprächeführen, irgendwann erschöpft sich so ein mit mir geführtes Gespräch immer und dann ist all mein Besprengen mit neuen Fragen weitgehend vergeblich.

    Neulich aber, da übergab mir einer sein Megafon, weil er verhindert war. Also trug ich es zur nächsten Montagsspaziergangsdemonstration. Es fand sich niemand, der es tragen wollte. Also trug ich es auf der Montagsspaziergangsdemonstration. Und kam mir vor wie ein Christbaum, da so mit all diesem Gebammsel an mir: Megafon, Trillerpfeife, Brust- und Rückenschild mit Corona-Wahnsinn-Informationen, Rucksack.

    Da dachte ich mir plötzlich: Wenn schon Christbaum, dann doch duftend, glänzend, klingend! Griff’s Mikrofon vom Megafon und begann.

    Zu reden.

    Dann und wann.

    Zwei, drei Sätze. Irgendwann gar acht kurze hintereinander. Alle fußend auf dem Sachverständigengutachten zu den teutschen Coronamaßnahmen.

    Ich tat das noch ein zweites Mal, eine Woche später. (Und übrigens: Ich werde das auch ein drittes Mal tun, u. s. w.)

    Da passierten wir zum zweiten Male einen Platz in Berlin, an dem ganz viele alte ‚KämpferInnen‘ aus den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts noch leben.

    Heute sitzen die da alle an diesem Platz und süffeln Riesling für 9 Euro à 100ml und schaufeln Erdäpfelschaum an Lammkarree mit Zitronenthym-Jus für 38 Euro in sich rein. Denn die, die da sitzen, haben es alle zu was gebracht – das sieht man nicht nur am Essen, das die in sich reinschaufeln, das sieht man auch an ihrer Kleidung, an ihrem Makeup, an ihrer Art, auf einem Stuhl zu sitzen.

    An diesen ganzen 60-80 Jahre alten, in ihrer Jugend links gewesenen, nunmehrigen Zitronenthymian-Jus-Afficionados spazieren wir Montagsspaziergangsdemonstration also vorbei, ich hinterm Megafon, und ich sage, was zu sagen ist.

    Da hebt diese weißhaarige Lammkarree-Combo an und brüllt: „Haut ab!“, „Wir wollen euch nicht hören!“, zunehmend sich zu einem Sprechchor formierend.

    Die devot mitten unter ihren Gästen hockende Wirtin wird durch diesen Sprechchor angeschaltet.

    Sie rennt auf mich zu. (Ich rechne mit allem, schütze mich nicht, stehe einfach nur als ich da.)

    Sie keift mich an: Ich solle ihre Gäste in Ruhe lassen, ich solle auf der Stelle verstummen, ich solle mich davonmachen.

    Ich sage ihr, was zu sagen ist..

    Und ich sehe in ihren Augen, was ich im Brüllen der Lammkarree-Combo schon hörte, und kurz wird mir bang.

    Auf einmal aber steigen die alle, die Wirtin und ihre Gäste, in die Luft und rotieren dort, sobald sie auch nur Atem holen. Und ihre Stimmen klingen da oben heliumgefüllt – in Mickey-Mouse-Manier quietschen sie plötzlich Ach und Weh im langsamen Entschweben.  

    Mich, die ich mit beiden Beinen sicher auf dem Boden stehe, ergreift zwar Mitleid mit all diesen sich immer schneller entfernenden und dabei immer wilder um sich selbst kreisenden Luftballons in Leinenanzug und Loafers, Ballonröckchen und Bastsandalen, doch ich besinne mich: Die haben mich etliche Monate lang völlig in der Luft zwischen Bürgersein und Paria-Existenz schweben lassen, für die war’s okay, mich aus aller Zivilisation herauszufegen.

    Und mit einem gewissen Behagen sehe ich, wie auch die Gästeschar des Nachbar-Lokals, die statt mit Aggro-Gröhlen mit dem ostentativen Singen eines Kinderla-la-la begonnen hatte – wohl um uns aus ihrer Welt zu singen –, den Bodenkontakt zu verlieren beginnt.

    Ich selbst schreite langsam weiter, da hinter dem Megafon. Und schlage Thema Nr. 2 an: den Krieg und diejenigen, die ihn hierzulande be- und antreiben, auch wenn sie vor einem Dreivierteljahr noch Wahlkampf mit Friedenssymbolen und dem Slogan „Keine Waffen in Krisengebiete!“ machten.

    Da geschieht Seltsames, denn aus dem dritten Lokal am Platze, direkt neben den beiden ersten, ertönt plötzlich lauter Applaus. Doch dann beginnen auch diese Claqueure, langsam ins Blaue zu trudeln. Auch sie zappeln in der Luft und steigen immer weiter, unablässig um die eigene Achse kreisend.

    Irgendwann werden sie außer Sicht sein. Doch das muss ich nicht mehr mitansehen. Unsere Montagsspaziergangsdemonstration folgt nämlich unbeirrt ihrem Weg und hat diesen Platz der Helium-HedonistInnen, LaLaLa-Linken und invertierten Intellektuellen schon längst hinter sich gelassen. Am nächsten Montag werde wir ihn wieder passieren.

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