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Neulich im Bio-Supermarkt

    Von Corinna Laude.

    Wenn es mein Budget und meine Laune zulassen, gehe ich in einen „Bio-Supermarkt“. Das ist eher selten der Fall. Einkaufen verursacht bei mir ohnehin meist schlechte Laune, doch Einkaufen in einem „Bio-Laden“ ganz besonders, weil mich diese ganzen woken Kund-hicks-innen dort, die freilich das Personal oft wie Dienstboten aus der Kaiserzeit behandeln (während im Discounter die Menschen hinter der Kasse für die davor Respektspersonen sind), einfach nur verdrießen.

    Neulich aber, da betrat ich nach langer Zeit wieder einmal einen. Mit einer ordinären „medizinischen Maske“ statt des dort von der Kundschaft überwiegend getragenen FFP2-Biohazard-Boliden mit Annäherungsalarm-Sensor.

    Ich gestehe: Darauf bin ich nicht konditioniert, und so löste ich in den ersten fünf Minuten meines Bio-Supermarkt-Besuches acht Annäherungsalarme aus.

    Mir wurde dann natürlich eine Einkaufsannäherungsalamminimierungsbetreuerin zur Seite gestellt (ich muss hier nicht gendern, selbst wenn ich wollte, denn auch das sind Frauenberufe: minimalbezahlt, unansehnlich, übersehen), die dank der 1,5 Meter-Kelle (rotebeetegefärbt und mit – dank Gen-Spritzung selbstverständlich konstant blinkendem – Saisongemüse in der Kellenschale) weitere Alarme zu verhindern wusste.

    Meine abschließenden fünf Minuten Einkauf (ich benötigte nur eine Bio-Zitrone, der Schale halber; den Rest besorgte ich wie immer und budgetbedingt beim Discounter und dem Kurden hier vor Ort) verliefen für die Boliden-Träger-hicks-innen, was mich betrifft, dann auch annäherungs- und damit stressfrei.

    Sie verliefen indes für mich selbst sowohl hochnotpeinlich, da so in Begleitung (und jetzt tituliere ich das Ganze mal offiziell) meines „einkaufsannäherungsalarmminimierenden Betreuends“ (m/w/d – und warum steht eigentlich das m immer vorn?!), als auch – doch lesen Sie selbst:

    Denn kurz nach meinen acht Annäherungsalarmen, also zu der Zeit, in der ich schon einkaufsbetreut wurde und bar jedweden Alarms meine Bio-Zitrone in meinen biozertifizierten Bambus-Einkaufskorb lud, da betrat eine junge Frau den Bio-Supermarkt.

    Und sie war NACKT!

    Ganz so, wie Gott-hicks-ö-hicks-in oder ihre Eltern sie geschaffen hatten.

    Und noch dazu hatte sie auf dem linken Nasenflügel, der bei jedem Atemzug zart vibrierte, einen blühenden Pickel.

    Ja! Unter rotheißer Haut schimmerte dort – jederzeit zur Detonation bereit – diese Haubitze in weißlichem Gelb.

    Die junge Frau kam gerade noch dazu, ihre Hand aus der Känguru-Tasche ihres Hoodies zu ziehen, um sich einen der biozertifizierten Bambus-Einkaufskörbe zu nehmen – da warfen sie die Sicherheitsbediensteten der Bio-Kompanie auch schon zu Boden.

    Auch mein Einkaufsannäherungsalarmminimierungsbetreuends, das als Prekariat im Niedriglohnsektor zwei bis drei simultane Berufsausübungen zu erbringen hat, um als lebenswert zu gelten, stürzte sich in Bodyguardmanier von mir los und auf die junge Frau.

    Die aber schützte nicht nur ihren Pickel erfolgreich (wie auch immer sie das tat), sondern zog mit der anderen Hand aus der Känguru-Tasche ihres Hoodies ein Sirenen-bewehrtes Dokument.

    Dessen Alarmton, gegen den die Einkaufsannäherungsalarme Kindergegreine sind, zwang uns alle in die Knie und die Biosupermarkt-Welt aus unserer Wahrnehmung.

    Ich sah nur noch ein weißes Nichts. Minutenlang, und vergaß selbst die Zitrone in meiner Hand.

    Dann versiegte der Sirenen-Ton. Und die junge Frau – lächend, stehend und so unglaublich nackt – sagte: „Hier ist mein Masken-Attest.“

    Die Bio-Sicherheitsbediensteten der Kompanie rappelten sich mühsam vom Boden auf und klopften sich gegenseitig die Dill-Zweige und den Kartoffel-Staub ab (das Ganze hatte sich in der Gemüse-Abteilung zugetragen), derweil die Kund-hicks-innen von den Knien langsam hochkamen, die Hände von den Ohren nahmen und begannen, sich die Augen zu reiben.

    In diesem Abklopfen, Rubbeln und Raspeln verklangen die Worte der jungen Frau.

    Eine immer noch ersichtlich sorgfältig frisierte Dame, der ein großes Kohlrabiblatt über dem rechten Ohr hing und gequetschte Pastinaken an den Ellenbogen – ob Kundin oder Angestellte der Bio-Sicherheitskompanie (die bekanntlich auch eine Inkognito-Testkund-hicks-innen-Einheit betreibt, die, mit greinenden Kindern bewehrt, Ladendiebstähle durch die Kasse zu bringen versuchen, auf dass die Kassiererin unbezahlte Strafüberstunden machen muss) war nicht mehr kenntlich –, jene kohlrabigezierte Dame begann plötzlich zu lachen.

    Einem mittelalten Herrn in grauem Anzug und Sneakers – ob Kunde oder Angestellter der Bio-Sicherheitskompanie, war ebenfalls nicht mehr kenntlich – rutschte Karottengrün vom Kinn in den T-Shirt-Ausschnitt, als er plötzlich zu lachen begann.

    Eins der vielen Kinder dort, die am Rande verharrt hatten wie seit so vielen Jahren: schweigend, großäugig, alles aufnehmend, alles auswertend – begann, plötzlich zu lachen.

    Die junge Frau zuckte zusammen. Ich zuckte zusammen.

    Denn niemand konnte wissen, warum und worüber dieses Kind nun lachte. Und ob nicht sein Lachen der Kompanie Befehl wäre. (Seit Jahren durften die Kinder nur noch auf Befehl lachen.)

    Es zuckten noch andere, zusammen.

    Und dieses lachende Kind gluckste.

    Wie nur Kinder es können: mit diesem glucksenden Lachen, in dem die Welt ein Kitzeln ist, auf- und absteigend, voller Vertrauen und fraglosem Geheimnis – und: total ansteckend.

    Noch immer, Tage nach meinem Besuch in jenem Bio-Supermarkt, gluckst in mir dieses Lachen. Die Schale der Zitrone hingegen ist längst gekocht, ihr Saft getrunken. Und auf meinem linken Nasenflügel hat ein kleines rotes Glühen begonnen, das jeder Mensch auf der Welt sehen kann, denn auch ich bin nun wieder nackt unterwegs. Und ich gluckse.

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