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Neulich im Regen

    Von Corinna Laude.

    Wenn ich im Regen unterwegs sein muss, dann, weil ich das muss. Regen ist nicht mein Wetter. Ich finde nichts daran romantisch, wenn der auf ein Fensterbrett tropft oder auf Asphalt glänzt oder heiter besungen wird. Nein: Regen ist nicht mein Wetter.

    Allerdings habe ich jetzt seit zwei Jahren kein Wetter mehr, sondern Alternativlosigkeit. Es gibt jetzt keinen locker bewölkten Himmel mehr, an dem dann und wann die Sonne scheint, keine warmen Windböen, und erst recht keinen Regenbogen mehr, also Sonne und Regen zugleich.

    Neulich aber, da waren Sturm und Regen gleichzeitig und ich mitten drin. Erst auf dem flitzeroten Fahrrad, dann auf dem Bebelplatz, auf dem eine Kulturveranstaltung stattfand. Bei fünf Grad, Dauerregen und Sturmböen.

    Doch bin ich ja nicht allein damit, seit nunmehr zwei Jahren kein Wetter mehr zu haben, sondern Alternativlosigkeit – und so fanden sich zu Musik und Maskentänzen, zu Rede und stillem Zorn etwa 60 weitere Menschen ein. Nicht mitgezählt meine neue Schutzgarde – ich krieg’ die gar nicht mehr von meiner Ferse abgestreift. An fast allen Orten, wo immer ich draußen auch geh’ oder steh’: Sie passt auf mich auf. Selbst auf dem flitzeroten Fahrrad begleitet sie mich, wenn ich samstags im Korso über die Berliner Straßen radle. Diese Schutzbatterie ist mir die liebste: in der traditionellen weiß-blauen Tracht thront sie meist mit kleinem Schmerbäuchlein auf kuhbreiten Motorrädern, nimmt ihre Aufgabe ernst und mein flitzerotes Fahrrad samt mir drauf in Schutz vor Ampeln, Autos und verkehrtherumer Antifa (bei der Gelegenheit: Ein Küsschen an die Jungs von der Berliner Motorradstaffel!).

    Doch da neulich im Regen auf dem Bebelplatz war es wieder die seit ein paar Jahren übliche Soldateska in metallisch summendem Schwarz, die zu meinem Schutze dienstete.

    Dazu gehörte als allererstes das Verbot, mich unter dem von uns aufgebauten Pavillon vorm Regen unterzustellen.

    – Klar: Der schwarzen Soldateska liegt mein Immunsystem und dessen Training inniglich am Herzen.

    Ich schämte mich dafür, da nicht schneller drauf gekommen zu sein, und nahm mir vor, bei erstbietender Gelegenheit mich zu bedanken, denn jetzt hatten die Gardegranden sich erst einmal vornehm hinter ihre Einsatzfahrzeuge zurückgezogen, und ein kurzes Tänzchen durch den Regen meinerseits dorthin ergab die Einsicht: Die machen dort gerade maskenlosen Regentanz ohne Abstand, aber mit Rauchmitteln im Kollektiv. Und da wollte ich dann nicht stören, tanzte also im böenwogenden Regencape zurück zur Kulturveranstaltung.

    – Als sie auch schon an mir vorbei marschierten: zu schwarzen Geschossen zusammengerollt, und fein säuberlich im Patronengürtel-Gänsemarsch sich über den Platz hängten, in unseren Pavillon, über den Bühnenwagen, und: den Stecker zogen! Gerade, als ein Mensch sich dort seines eigenen Verstandes bediente und davon am Mikrofon Zeugnis ablegte.

    Es gab eine durch Mark und Bein dringende Rückkoppelung.

    Der Regen hörte auf, jeder Wind und alle Tänze. In der Rückkoppelungsschleife hingen die Buchstaben n, a, z, i fest und warfen die verkehrtherume Antifa, die sich mittlerweile denunzianten- und dinosaurierköpfig zu dritt eingefunden hatte, erst auf das regenglänzende Pflaster des Bebelplatzes, um sie dort zum Fenster im Boden zu glitschen. Die drei von der verkehrtherumen Antifa prügelten sich währenddessen um den Dinosaurierkopf, doch nur eine errang ihn, die beiden Jungs mussten sich mit FFP2-Larven bescheiden und schrien dementsprechend gellend auf, als sie dort im Boden sahen, was sie tun, während das Mädel unter dem Dino-Kopf gar nichts sah.

    Derweil behauptete die in Gestalt von vier Patronengürteln über den Platz formierte schwarze Soldateska, nichts zu wissen, aber alles zu sehen, alles zu tun, und kreiste uns da auf der Kulturveranstaltung von allen Seiten ein.

    Wir indes empfanden Mitleid mit den drei verkehrtherumen Antifa vor dem Fenster in die Geschichte und ebenso mit der stopfgänsig stur marschierenden schwarzen Soldateska, die schon längst niemandem mehr Gänsehaut macht.

    Dann endlich fand die Rückkoppelung ein Ende.

    Die Patronengürtel rollten sich gen Einsatzfahrzeuge auf.

    Regen und Wind setzten wieder ein. Und alle Tänze.

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