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Neulich in der S-Bahn

    Von Corinna Laude.

    Wenn ich nicht mit dem flitzeroten Fahrrad fahren kann, sondern U- oder S-Bahn (selten Bus, noch seltener Tram) nehmen muss, geht’s schon los, das Selbstzerschmettern:

    Test oder nicht Test – das ist dann die Frage, ob’s edler, in der Nase die Pfeil und Schleudern des PCR-Tricks erdulden, oder, sich waffnend gegen Ordnungswidrigkeitsstrafen, durch Widerstand sie enden.

    Bislang war meine Strafangst größer als der Schmerz durch PCR-Pfeile in der Nasenschleimhaut. (Dass ich zur Heldin nicht tauge, sei hier vermerkt.)

    Und so kam ich in den letzten zwei, drei Monaten ein paar Mal in eine S- oder U-Bahn.

    Neulich, es begab sich kurz vor Heiligabend, stieg dort zunächst ein älteres Pärchen ein, beide satt über 70, beide maskenbewehrt vom Kehlkopfuntersaum bis zu den tieferen Wimpern und natürlich mit jenen Staubschutzmodellen, die längst schon keine Pflicht mehr waren, aber zwar nie vor Aerosolen geschützt haben, dafür jedoch bei richtigem Gebrauch vor – genau: Staub.

    Ihre zusammengekrümmten Schultern und die Hast, mit der sie auf jene verschmuddelten Sitze glitten, verrieten, welches Glück sie empfanden, eine Vierersitzgruppe für sich allein vorzufinden. Nur hielt dieses Glück nicht lange an. Denn an der nächsten Station stiegen ein großer und ein kleiner Mann zu und setzen sich in jene Vierersitzgruppe, setzten sich neben den alten Herren und die alte Dame, die – wohl, weil sie ihre verbalen Botschaften durch ihre Staubmasken hindurch dann besser enträtseln konnten – vis à vis Platz genommen hatten.

    Der große und der kleine Mann waren ebenfalls maskenausgestattet, freilich mit Freiluft, denn sie trugen diese dünnen, knittrigen, blauen Feudel statt jenes bis vor kurzem noch verordentlichten Atmungsöffnungssuspensoriums.

    Und: Sie trugen diese Feudel als das, was sie sind: als Unterwerfungssymbol, als Maulkorb.

    Da zischte es aus dem Senior durch sein FFP2-Schutzschild heraus: „Maske uff!!!“ Er brauchte vier Anläufe, weil durch die Ateminsuffizienz seine Worte kaum zu vernehmen waren, bis sie endlich hörbar erklangen.

    Der kleine und der große Mann lachten den alten Mann freundlich an (nicht aus!). Und der große Mann sagte: „Sie sind doch aber bestimmt geimpft. Da sind Sie doch sicher.“

    Aber der alte Maskenmann zischte erneut schwer schnaufend „Maske uff!!!“ (Selbst ich verstand ihn kaum.) Und dann kam’s: „Sie töten mich!“

    Der große Mann nahm sanft seine Hände und breitete sie aus, zeigte sie dem alten, es waren wirklich große Hände mit dicken Schwielen, ein paar Narben, einem fehlenden Fingerglied und jenen schwarzen Nagelschatten, wie nur Motoröl oder Getriebeschmiere sie verstetigen können.

    „Väterchen, Deine Angst tötet dich. Vor lauter Angst kannst Du nicht mehr atmen, vor lauter Angst wirst Du sterben und vor lauter Angst wirst Du vielleicht machen, dass dieser Staat, diese Gesellschaft, Du mich töten.

    Doch ich habe keine Angst vor Dir, Väterchen. Ich habe Respekt vor Dir“,

    sprach der große Mann und zog seinen blauen Feudel über seine Nase, der kleine Mann lächelte (ich sah es in seinen Augen) und stand, den Feudel unter der Nase, von seinem Sitzplatz auf.

    Die benachbarte Vierersitzgruppe und auch ein paar Umstehende hatten die Szene beobachtet. Es gab Applaus.

    Dann gab es Küsse. Es gab Gesang. Und Tanz. Mit und ohne Maske. Bis zur nächsten Station. Dort wehten neue Fahrgäste herein und wie immer ein wenig Staub, ein paar Keime und Pfeile und Schleudern des Geschicks.

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