Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz setzte sofort die Suche nach Schuldigen ein. Die Aufklärung geriet dabei schnell ins Hintertreffen. Ein Kommentar.
Von Johannes Schirrmeister – 9. Januar 2026.
Netzfund: https://archive.is/MI3mH#selection-603.1-603.94
Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz war ein massiver Angriff auf die öffentliche Sicherheit. Zehntausende Menschen waren betroffen, Teile der kritischen Infrastruktur zeitweise lahmgelegt. Noch bevor die Ermittlungsbehörden belastbare Ergebnisse vorlegen konnten, setzte jedoch eine zweite Dynamik ein: die schnelle politische und mediale Einordnung der Tat.
Während die Ermittlungen bis heute offen sind, verfestigten sich Deutungen und Gegendeutungen in rasanter Geschwindigkeit. Bekennerschreiben, Zuschreibungen und Zurückweisungen überlagerten zunehmend die eigentliche Tat. In den Hintergrund geriet dabei ein entscheidender Punkt: Wie politische Gewalt kommunikativ wirkt und wie Narrative entstehen, lange bevor Fakten gesichert sind.
Denn der Zweck solcher Taten erschöpft sich nicht im materiellen Schaden. Ihre eigentliche Sprengkraft entfalten sie in der öffentlichen Deutung. Dort, wo Aufmerksamkeit gelenkt, Schuld festgeschrieben und politische Konsequenzen vorbereitet werden.
Drei Schreiben, drei Funktionen
Im Zusammenhang mit dem Januar-Anschlag tauchten drei Schreiben auf, die der sogenannten Vulkangruppe zugeschrieben werden. Am 4. Januar veröffentlichte die Gruppe das Hauptbekenntnis auf einer „anti-autoritären“ Plattform. Darin reklamierten die Gruppe den Angriff auf eine Kabelbrücke Lichterfelde für sich, bezeichneten die Tat als „Akt der Notwehr“ und präsentierten detailliertes Wissen über die Infrastruktur.
Am 6. Januar folgte ein weiteres, kurzes Schreiben. In diesem reagiert die Vulkangruppe erkennbar auf die nach dem ersten Text aufgekommenen Spekulationen, es handle sich um eine „False-Flag-Aktion“ und wies den Vorwurf, russische Geheimdienste seien für den Anschlaf verantwortlich, zurück. Stattdessen stellte die Gruppe Angriffe auf kritische Infrastruktur als Ausdruck innergesellschaftlicher Konflikte in Deutschland dar, mit dem klaren Anspruch, die Deutung der Tat zu kontrollieren.
Am 7. Januar schließlich distanzierte sich die „ursprüngliche Vulkangruppe von 2011“ auf „Indymedia“ scharf von der Tat. Sie kritisierte die Gefährdung Unbeteiligter und stellte die Legitimität der Akteure infrage. Diese drei Texte zeigen unterschiedliche Ziele: Bekenntnis, strategische Einordnung und Abgrenzung.
Fragmentierung statt geschlossener Organisation
Alle Bekennerschreiben zusammen ergeben kein geschlossenes Narrativ, sondern ein unzusammenhängendes Bild. Analytisch spricht dies eher für konkurrierende Akteurskonstellationen oder umkämpfte Namensnutzung als für eine klar strukturierte Organisation. Entscheidend bleibt: Der Name „Vulkangruppe“ fungierte im Januar 2026 eher als Projektionsfläche für unterschiedliche politische und mediale Erwartungen.
Ideologische Zuschreibung und politischer Effekt
Die schnelle Einordnung des Anschlags als linksextrem prägt bis heute die öffentliche Debatte. Zugleich steht der Angriff mit seinen direkten Folgen für die zivile Bevölkerung im Widerspruch zu historischen „linken Selbstbeschreibungen“, die Solidarität mit sozial und ökonomisch Benachteiligten betonten.
Der Widerspruch zeigt: Ideologische Selbstverortung garantiert keine Übereinstimmung mit tatsächlicher Wirkung.
Unabhängig von der Täterschaft zeigt der Fall, wie sehr politische Konflikte heute in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. In der digitalen Öffentlichkeit ist Mehrdeutigkeit längst kein Zufall mehr, sondern ein wirksames Machtinstrument.
Cui bono – historische Lehren und aktuelle Indizien
Die Frage „cui bono“? ist zentral: Wem nützt nicht nur die Tat, sondern ihre öffentliche Zuschreibung. Historische Fälle wie „Operation Gladio“ zeigen, dass Geheimdienste verdeckte Operationen nutzen können, um Spannungen zu verstärken oder politische Reaktionen zu provozieren: „Links“ vs. „Rechts“, so konnte man schon immer am einfachsten ein gemeinsames Volk spalten. Frei nach dem antiken Motto: „Teile und herrsche“. Im aktuellen Kontext gewinnt dieser Blick an Gewicht.
Bereits im September 2025 hatte offenbar dieselbe Vulkangruppe den Technologiepark Adlershof angegriffen, gezielt auf Infrastruktur, die in sicherheitsrelevanter Forschung, hochentwickelter Technologie und Waffenindustrie tätig ist.
Darin zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Angriffe richten sich nicht allein gegen einzelne Personen, sondern gezielt gegen strategisch relevante Infrastruktur. Ein direkter Zusammenhang zu geheimdienstlichen Operationen ist bislang nicht belegt. Methodisch gehört diese Möglichkeit jedoch in den Betrachtungsrahmen.
Wo Tat, Kommunikation und Wirkung auseinanderfallen und der größte politische Nutzen bei Akteuren liegt, die Verunsicherung oder Polarisierung erzeugen, darf diese Option nicht vorschnell verworfen werden. Seriöse Aufklärung beginnt dort, wo auch unbequeme Szenarien geprüft werden.
Weiterlesen: https://archive.is/MI3mH#selection-603.1-603.94
Vulkangruppe gegen Vulkangruppe: Ein Anschlag, zwei Bekenner und die gezielte Zerstörung von Gewissheit
Hierzu auch die Texte der Erklärungen: https://knack.news/14834 https://de.indymedia.org/node/620231


