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Bereinigte Kindheit

    oder:

    Die Transformation kindlicher Erlebnisräume

    Von Uwe Moldenhauer.

    Immunschuld / Immunitätslücke

    Kita-Gruppen sind zu Hälfte leer und Schülerinnen und Schüler husten sich durch die Unterrichtszeit. Gleichzeitig arbeiten Kinderkliniken und Arztpraxen seit Wochen am Limit. Seit mindestens 2011 weisen die ärztlichen Fachverbände auf die unübersehbaren Missstände bei der ambulanten und stationären Versorgung von Kindern und Jugendlichen hin. Der chronische Personalmangel, gepaart mit der aktuellen Welle von RSV-Infektionen, ganz besonders bei Kindern, versetzen Mediziner in Aufruhr und Sorge. Wie auch in anderen Gesundheitsbereichen, so geht es genauso bei den Kinderkliniken inzwischen nicht mehr um die Qualität, sondern nur noch um wirtschaftlichen Erfolg, so die Mediziner. ‚Unverantwortliche Zustände‘ bei der stationären und ambulanten Versorgung meist junger Patienten bedrohen laut ihren Statements zufolge die Gesundheit und das Leben unserer Kinder. Im Zusammenhang mit dem RS-Virus (Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus), das derzeit unter Kindern und Neugeborenen am weitesten verbreitet ist, wird in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet von Wissenschaftlern die „Immunschuld bzw. Immunlücke“ als besorgniserregend bezeichnet.[1]

    RSV ist ein weitverbreitetes Virus, mit dem sich auch Erwachsene infizieren können. Besonders jüngere Kinder haben aber engere Atemwege, wodurch sich schneller eine Bronchitis entwickeln und die Infektion besonders heftig, ja sogar lebensbedrohlich verlaufen kann. Zusammen mit den Grippeviren führt das RS-Virus seit jeher regelmäßig in der Herbst- und Wintersaison zu zehntausenden Fällen von Atemwegsinfekten und ist die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte von Kindern und Säuglingen in Europa. Genauso wie die Grippe zwei Jahre lang scheinbar völlig verschwunden war, waren seit 2020 die Raten von RSV-Infektionen bemerkenswert niedrig.[2]

    Einigen Experten zufolge führte die Umsetzung strenger medizinischer Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit im Zusammenhang mit COVID-19 zu einer fehlende Exposition gegenüber einem Krankheitserreger und somit zu einem verminderten Immunschutz, insbesondere bei Kindern. Corona-Maßnahmen wie die Maskenpflicht, die soziale Distanzierung sowie die „Stilllegung“ fast des gesamten öffentlichen Lebens, insbesondere Schul- und  Kitaschließungen und das Herunterfahren der Arbeitswelt, führten dazu, dass das Immunsystem weniger Gelegenheiten vorfand, die eigene Effizienz zu ‚trainieren‘ und somit die Antikörperantwort zu stärken. Sie scheinen für eine Immunschuld bzw. Immunitätslücke verantwortlich zu sein, die dem Immunsystem nachhaltig geschadet hat. Immunitätsschuld ist ein Begriff, der vorgeschlagen wird, um den Mangel an schützender Immunität zu beschreiben, der sich aus längeren Zeiträumen geringer Exposition gegenüber einem bestimmten Krankheitserreger ergibt, wodurch ein größerer Anteil der Bevölkerung anfällig für die Krankheit bleibt.[3] Auch Prof. Dr. Sucharit Bhakdi erklärte bereits im Frühjahr 2020, wie das menschliche Immunsystem funktioniert und wie sich Epidemien in aller Regel zu entwickeln pflegen.

    Weil das Immunsystem vieler Kinder in den vergangenen zwei bis drei Jahren durch das Tragen von Masken, Home-Schooling, sozialer Distanz und Einrichtungsschließungen weniger Erreger gesehen hat und somit nicht trainiert wurde, sei es nicht durch milde oder asymptomatische Infektionen ‚immunologisch bei der Stange‘ gehalten worden und es ist zu einer ‚immunologischen Lücke‘ gekommen. Dabei ist „[d]ie Beziehung zwischen dem Organismus und seiner Umwelt […] in der Wissenschaft unbestreitbar, und es ist unbestreitbar, dass die auf ein Minimum reduzierte Exposition gegenüber Reizen zu einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte Infektionen geführt hat“, erklärt der Leiter der klinischen Immunologie und Vakzinologie am Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom, Paolo Palma.[4] Kinder bräuchten bis zu sechzehn Infekte im Jahr, damit sie überhaupt erst ein intaktes Immunsystem aufbauen könnten. Das sei das Einmaleins der Immunologie, so der Immunologe Dr. Peter Schleicher in der Bild.[5]

    Kontrollierte Kindheit während der Corona-Jahre

    Maskenpflicht, Abstands- und Kontaktverbote, Nießetikette, Kohortenbildung, Schul- und Kitaschließungen, Home-Schooling, Dauertestung etc. – unsägliche Sicherheitsbestimmungen, gepaart mit Kontrollzwang und Panikpropaganda, prägten für Kinder die Zeit der Corona-Maßnahmen. Auf Basis der Corona-Hysterie wurden sie wegen der angeblichen Gefahr für ihre Außenwelt von anderen Menschen isoliert und z. B. systematisch entmutigt, draußen im Freien zu spielen. Als Folge sind jetzt immer mehr zutage tretende erhebliche Schäden der kindlichen Psyche und sozial-emotionale Defizite zu verzeichnen, die z. T. nie wieder aufzuholen sind.

    Gerade die während der Corona-Zeit durchgeführten Schul- und Kitaschließungen – die völlig unnütz waren und, wie sich inzwischen auch wissenschaftlich bewiesen herausgestellt hat[6],  keinerlei Effekt auf das P(l)andemiegeschehen hatten – sowie die Verordnungen zum Einhalten sozialer Distanz und das Unterbinden persönlicher Kontakte haben bei vielen Kindern gesundheitliche Schädigungen bzw. psychische Störungen hinterlassen, deren Langzeitfolgen derzeit noch nicht abschätzbar sind. So haben Kinder während der Corona-Zeit z. B. unterschiedliche Formen von Waschzwang entwickelt[7] und bei über 80% aller Kinder ist als Folge der Maßnahmen mit Schäden zu rechnen.[8] Eine repräsentative Stichprobe der bundesweiten COPSY-Studie des Uni-Klinikums Hamburg aus dem Jahr 2022 hat belegt, dass die psychischen Belastungen bei Kindern heute höher sind als vor Corona und aktuell auf hohem Niveau stagnieren.[9]

    Der transformierte Mensch

    Doch diese Überwachung bzw. Beschneidung der Kindheit und die damit einhergehende und konsequent weitergeführte Vereinnahmung bisher unkontrollierter kindlicher Freiräume ist nicht neu und hat eine lange Tradition.

    Noch bis ins achtzehnte Jahrhundert wurden die Ideen von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung verkündet, die dann in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auch auf dem Gebiet der Bildung zum Tragen kamen. Das Grundprinzip einer solchen selbstbestimmten, freien Erziehung war der Ersatz von Autorität durch Freiheit. Dieser Ansatz blieb jedoch ohne Erfolg und so mussten wir den Übergang von der offenen Autorität des neunzehnten Jahrhunderts zur anonymen Autorität des zwanzigsten Jahrhunderts miterleben.[10] Diese Transformation wurde maßgeblich durch die organisatorischen Bedürfnisse einer modernen Industriegesellschaft bestimmt.

    Heute weiß man, dass der Mensch das Produkt seiner Erziehung ist. D. h. dass durch psychologische Erziehungsmethoden ein Menschtypus herangebildet werden kann, der erneut die Mentalität von Untertanen besitzt und für die Machthaber nicht zur Gefahr werden kann. So schufen z. B. die

    „[…] Erziehungsmethoden der Vergangenheit […] einen Menschentypus, der die Tragödie der Geschichte verursachten konnte; das autoritäre Prinzip, jahrhundertelang als fraglosgültige Grundlage des erzieherischen Verhaltens angesehen, drosselte bereits in den Kindheitsjahren das Gemeinschaftsgefühl der Menschen und stattete sie mit jener Aggressionsbereitschaft aus, durch die eine gewalttätige Welt im Zustande der Gewalttätigkeit verharren konnte“.[11]

    In der heutigen Produktionsorganisation und der Welt des Konsums wird der Einzelne verwaltet und manipuliert. Gleich, ob es sich um den Konsum von Kleidung, Alkohol, Zigaretten oder Fernsehprogrammen handelt, ein mächtiger Suggestionsapparat ist am Werk, der zwei Ziele verfolgt: erstens, den Appetit des Einzelnen auf immer neue Waren zu steigern, und zweitens, dieses Verlangen in die Kanäle zu lenken, die für die Industrie am profitabelsten sind. Der Mensch wird zum ewigen Konsumenten, dessen einziger Wunsch es ist, immer mehr und immer die neuesten Dinge zu konsumieren.

    Grund dafür ist, dass unser Wirtschaftssystem Menschen benötigt, die dessen Anforderungen entsprechen; Menschen, die reibungslos kooperieren; Menschen, die leicht zu beeinflussen sind und deren Bedürfnisse antizipiert werden können. Unser System braucht Menschen, deren Geschmäcker standardisiert sind, die mehr und mehr konsumieren wollen; Menschen die sich ohne Reibung in die soziale Maschinerie einfügen, die ohne direkte Führung und konkretes Ziel geführt werden können und die sich dabei auch noch absolut frei und unabhängig fühlen. Um an der heutigen Gesellschaft teilhaben zu können, ist der moderne Mensch gezwungen, die Illusion zu nähren, dass alles mit seiner Zustimmung geschieht, auch wenn ihm diese Zustimmung mittels subtiler Manipulation entlockt wurde.[12]

    „Nicht die optimale Entfaltung des Individuums, die Erziehung und Bildung aller Menschen zu ihrer Glückseligkeit stünden im Zentrum dieser postdemokratischen Gesellschaft, sondern die Unterwerfung und Anpassung an die Anforderungen des Marktes, der nicht »frei« sei, sondern von den einseitigen Interessen einer international agierenden Oligarchie beherrscht werde“,[13]

    so der renommierte englische Soziologe Colin Crouch 2008. Gerade in der Corona-Zeit haben wir feststellen können, wie genau diese Kunstgriffe in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen angewandt wurden. Sie wurden gezwungen, die bittere Pille zu schlucken, und versteckter Zwang bzw. die Erzeugung von Schuldgefühlen prägten und prägen eine Erziehung, deren Grundprinzip die anonyme Autorität war und ist.

    Das Ende der sogenannten Frei(en)-Zeit

    Angesichts der existenziellen Unsicherheit im Neoliberalismus besteht ein hoher gesellschaftlicher Bedarf an persönlicher Sicherheit. Den Erwachsenen von heute wurde, medial durch entsprechende Scripted Reality TV Shows unterstützt, in den vergangenen 20 Jahren mehr und mehr das Vertrauen in die Fähigkeit ihrer Kinder, dass diese in der Lage sind, mit Risiken umzugehen, Konflikte selbst zu regulieren, sich gegenseitig zu unterstützen sowie von- und miteinander zu lernen, aberzogen. Gleichzeitig wurde an den Schulen das Lernniveau Jahr für Jahr weiter heruntergefahren. Historisches und kritisches Denken wurde und wird den Kindern, auch im Interesse eines Systemerhalts, in staatlich kontrollierten Erziehungs- und Bildungsanstalten systematisch abtrainiert.

    Wie bereits beschrieben haben sich Lebensbedingungen von Kindern in Industrienationen in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert. Während es vor rund 50 Jahren noch völlig normal war, Kinder alleine draußen, zum Teil auf ungeräumten, nicht gesicherten Ruinenplätzen oder Brachflächen spielen zu lassen (ohne dass eine Übersterblichkeit von Kindern zu verzeichnen gewesen wäre), so ist heute derartiges völlig unmöglich geworden und kommt förmlich schon fast einer Gefährdung des Kindeswohles gleich. Kinder dürfen nicht mehr alleine auf die Straße oder gar den Weg zur Schule selbständig gehen. Ihre Freizeitaktivitäten finden in von Erwachsenen angeleiteten Gruppen statt und der betreute Schultag dauert mitunter von 6:00 bis 18:00 Uhr. Heute kontrollieren z. B. Helikoptereltern jeden Schritt ihrer Zöglinge, das Elterntaxi transportiert Schülerinnen und Schüler bis vor die Schultür und der Markt an Überwachungsgadgets für Kinder ist riesengroß. Bildungsorientierte Eltern geben den gesellschaftlich vermittelten Druck an ihre Kinder weiter, überziehen sie mit einem Programm exzessiver Frühförderung und verplanen die kitafreie Zeit oder den schulfreien Nachmittag im Leistungswahn. So ist nicht verwunderlich, dass Deutschland nicht nur Spitzenreiter bei der Zahl der Sitzenbleiber, sondern auch bzgl. der Ausgaben für nachmittägliche Nachhilfe ist.[14]

    Für die kindliche Suche nach unbeobachteter Freizeit, nach Abenteuer und auch Nervenkitzel bleibt da keine Zeit mehr. Tagtäglich führen die Mainstream-Medien allen Eltern vor Augen, wie gefährlich die Welt da draußen und das Leben sind, und so gilt es, das eigene Kind (da man heute nur noch eins, maximal zwei hat) vor diesen Gefahren bestmöglich zu schützen. Es geschieht doch alles nur zur Sicherheit der lieben Kleinen.

    Aber Kinder haben grundlegende Lebensbedürfnisse und brauchen nicht-pädagogische Räume, erwachsenenfreie Plätze, um sich zurückzuziehen, sich auszuruhen, eigenen Interessen nachzugehen, zu lesen, zu spielen, sich frei zu bewegen, sich auszuprobieren oder sich (mit Peers) selbstwirksam zu erleben.[15] Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist die Grundlage für die körperliche, geistige, soziale und seelische Entwicklung eines Kindes. Werden diese Bedürfnisse nicht oder nur teilweise befriedigt, können körperliche, psychische, psychosomatische, emotionale und soziale Fehlentwicklungen oder Auffälligkeiten die Folge sein. Diese Folgeerscheinungen sind in Deutschland bei vielen Kindern zunehmend zu beobachten, was den Schluss nahelegt, dass eben diese grundlegenden Lebensbedürfnisse nicht mehr ausreichend befriedigt werden.[16]

    Digitale Kindheitswelten

    Familien, die mit der Situation während der Corona-Zeit nicht klar kamen, parkten ihre Zöglinge tagelang vorm heimischen PC oder Handy. Immer häufiger sieht man heute Väter und Mütter, die mit einer Hand den Kinderwagen schieben, während sie ihren Blick auf das Smartphone gerichtet halten. Schon Kleinstkinder werden mit Tablets in Restaurants, im ÖPNV oder zuhause, damit die Eltern im Homeoffice arbeiten können, ruhig gestellt. Freiräume von Kindern werden mehr und mehr durch Reglements wie Ganztagsschulen, Nachmittagskursen oder pädagogisch begleiteten Freizeitgruppen eingeschränkt und überwacht. Schon 2021 verbrachten Kinder mehr als zwei Stunden am Tag vor einem Bildschirm oder digitalen Display.[17] Als Folge von Corona und der zunehmenden Digitalisierung ist dieser Wert inzwischen deutlich gestiegen. Über ein Drittel der Kinder im Schulalter spielt nicht einmal ‚fast täglich‘ draußen. Die Beweglichkeit, Ausdauer, Koordination und Kondition von Kindern gehen seit Jahren zurück. Viele Kinder sind zu dick und immer häufiger leiden bereits jüngere Kinder unter Depressionssymptomen, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes Typ II.[18]

    Psychologen stellten fest, dass Jugendliche, die mit Smartphones aufgewachsen sind, die Lust an normalen Gesprächen verlieren und kein bewusstes Leben mehr ohne diese Geräte kennen.[19] Die besonders intensive Nutzung von Computerspielen und Online-Chats führt bei Kindern häufig zu Aufmerksamkeitsstörungen, Realitätsverlust, Stress, Depressionen und zunehmender Gewaltbereitschaft.[20]

    Die amerikanische Jugendpsychologin und Professorin an der Universität von San Diego Jean Twenge untersucht seit 25 Jahren die Folgen der Nutzung digitaler Medien für verschiedene Generationen. Früher gehörte es zur Phase der Kindheit und Jugend, Grenzen auszutesten und zu überschreiten, zu revoltieren und Ungehorsam zu praktizieren. Die nach 1995 Geborenen leben heute ungefährlicher als frühere Jugendgenerationen. Die heute Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen verlassen seltener das Haus, verbringen mehr Zeit im eigenen Zimmer und kommunizieren mit dem Smartphone über das Internet, um sich in der Nähe ihrer Freunde zu fühlen. Sie feiern weniger und nehmen weniger Drogen. Sie hängen am Telefon, fühlen sich allein, vereinsamen und sind todunglücklich. „Ich glaube, wir lieben unsere Telefone mehr, als wir Personen aus unserem Umfeld lieben“, sagt ein dreizehnjähriges Mädchen aus dem texanischen Houston.[21] Statistischen Werte über Depression, Teenager-Selbstmorde und -Selbstmordversuche in den USA seit 2011 belegen, dass Jugendliche heute stärker psychisch belastet sind, und auch das deutsche Ärzteblatt stellte fest, dass die Suizide von Teenagern in Deutschland in den Tagen nach den Sommerferien um 30 Prozent stiegen.[22]

    Schuld, Anpassung und Trans- bzw. Intergeschlechtlichkeit

    In der Corona-Zeit wurden Kinder und Jugendliche dazu ermutigt, andere zu diffamieren, zu denunzieren und strikten Gehorsam zu befolgen, um z. B. ja nicht das Leben der Oma zu gefährden. Dabei ist ein Hauptbedürfnis von Kindern, Freundschaften zu schließen und die Freizeit mit anderen Kindern zu verbringen. Untersuchungen hierzu haben gezeigt, dass Kinder, die Freunde haben, psychisch gesünder und stabiler sind.[23] Da heute in Deutschland viele Kinder ganz ohne Geschwister oder nur mit einem Bruder oder einer Schwester aufwachsen, befriedigte dieses Bedürfnis vor Corona i. d. R. die Schule, und nicht selten war das dortige Treffen mit anderen Kindern das einzig Positive, was sie der Regelschule abgewinnen konnten. Während der Umsetzung unterschiedlicher Corona-Maßnahmen wurden diese kindlichen Bedürfnisse jedoch nicht mehr befriedigt, und schon heute stellen wir mit Sorge fest, welch großen Schaden die kindliche Entwicklung aufgrund dieser freiheitsentziehenden Regelungen genommen hat.[24]

    Heute setzt die Pubertät zwei bis drei Jahre früher ein und dauert deutlich länger als noch vor 100 Jahren. Mit ihr verbunden ist eine Phase der Veränderungen auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene. Einige Synapsen im Gehirn werden beseitigt, während andere Bereiche verstärkt werden.

    „90 Prozent der Jugendlichen durchlaufen diese Phase ohne grossen[sic!] Schaden. Aber es gibt auch diese 10 Prozent, die aufgrund ihrer genetischen Voraussetzung oder ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrung eine Verletzlichkeit mitbringen. Dann braucht es nur noch einen oder zwei Belastungsfaktoren wie ein ADHS, eine Teilleistungsstörung oder familiäre Probleme, die hinzukommen, und das ganze System läuft Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu geraten.“[25]

    Hier droht mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz ein weiterer Störfaktor hinzuzukommen. Die frühkindliche Entwicklung ist bei der Bildung der geschlechtlichen Identität sehr entscheidend. Kinder werden heute immer früher damit konfrontiert, dass es mehr als die zwei biologischen Geschlechter geben soll. Diese bewusste Verunsicherung führt u. U. dazu, dass Kinder kein sicheres Verhältnis zu ihrem biologischen Geschlecht aufbauen können. Der Psychologe Bernd Meyenburg hält z. B. die Altersgrenze von 14 Jahren für eine Entscheidung ohne Zustimmung der Eltern im neuen Selbstbestimmungsgesetz für sehr problematisch, da sich erst in der Zeit der Pubertät die Geschlechtszugehörigkeit festigt.[26]

    Jugendliche aus einem wohlhabenden europäischen Land berichteten bereits vor der sogenannten Pandemie und der aktuellen Kriegshetze:

    „[…] Die seelische Not ist groß; in allen Lebensbereichen sind wir entweder sehr gefordert oder überfordert. Was wir über die Welt und den Menschen erfahren, ist geprägt von Unwissenheit und Unaufgeklärtheit. Unsere Eltern sind trotz größter Bemühungen nicht in der Lage, uns eine realistische Einführung ins Leben zu geben. In unseren Kinderstuben herrscht das Prinzip von Religion und Mystik, von Verwöhnung und Strenge. Die Anerkennung ist immer an Bedingungen geknüpft; nur die Leistung zählt.

    Ganz irritiert kommen wir in die Schule, wo die vorgefassten Meinungen bestärkt und zementiert werden: dumm und gescheit, arm und reich. Was zählt, ist die gute Note und nicht die gegenseitige Hilfe. Die Lehrkräfte haben nicht das Einfühlungsvermögen, unsere seelische Not zu empfinden und zu beheben.

    So stehen wir da: ohne Aufklärung über den Menschen und die Welt, orientierungslos sowie unfähig, uns das eigene Leben und eine schöne Liebe einzurichten. Nachdem wir diese Erziehung durchlaufen haben, sind wir Karikaturen dessen, was wir sein könnten […].“[27]

    Fazit

    Warum liegt inzwischen die pädagogische Priorität vermehrt auf der Reduzierung kindlicher Freiräume und deren Kontrolle durch Erwachsene? Erinnert uns das entfernt an chinesische Großstädte, die geprägt sind durch die Überwachung der Bevölkerung mittels QR-Codes, Bewegungsverfolgung, Gesichtserkennung und Zugangskontrollen? Ist die Einengung kindlicher Lebensräume vielleicht auch Teil einer langfristig geplanten Transformation der menschlichen Lebenswelt und eine schrittweise Gewöhnung der Bevölkerung an permanente Kontrolle im Sinne einer Neuen Weltordnung?

    Tatsächlich hat die bereits im Kindesalter begonnene Trennung von Intellekt und Gefühl den modernen Menschen in einen schon fast schizophrenen Geisteszustand geführt, in dem er förmlich unfähig geworden ist, auszubrechen und etwas anderes zu tun als das, was die Gesellschaft ihm vorgibt – denn die Folgen wären immer Exklusion und der Verlust gesellschaftlicher Teilhabe.

    Kinder, die von klein auf gelernt haben, dass immer jemand da ist, der auf sie aufpasst, der ihnen sagt, was sie jetzt zu tun haben, der ihren Tagesablauf vom Aufstehen über das Lernen, Essen, Freizeitangebot bis hin zum Schlafengehen vorgibt und der den freien kindlichen Entscheidungsspielraum aufhebt, werden auf diese Weise konditioniert und auch als Erwachsene nichts gegen ein fremdbestimmtes Leben einzuwenden haben.

    Schuldgefühle, wie sie Kindern in der Corona-Zeit gemacht wurden, sind ein Hindernis für ihre Unabhängigkeit. Sie setzen einen Kreislauf in Gang, der ständig zwischen Rebellion, Reue, Unterwerfung und neuer Rebellion pendelt. Schuldgefühle sind nicht in erster Linie eine Reaktion auf die Stimme des Gewissens, sondern im Wesentlichen ein Bewusstsein des Ungehorsams gegenüber der Autorität und der Angst vor Repression.

    Kinder müssen hingegen lernen, der Welt als Individuum zu begegnen. Sie müssen lernen, ihre Sicherheit nicht in einer symbiotischen Bindung zu finden, sondern in der Fähigkeit, die Welt intellektuell, emotional und künstlerisch zu begreifen. Dem Kind als Beobachter der Welt muss die Möglichkeit gegeben werden, darin seinen Platz zu finden und frei zu wählen, anstatt Sicherheit nur durch Unterwerfung und Anpassung zu erlangen.

    Es ist also an der Zeit, die bereits vollzogenen Umgestaltungen in der Kindererziehung wieder rückgängig zu machen und die Weichen zu stellen für eine Pädagogik der kindlichen Selbstbestimmung und der freien sowie unbeschränkten Entfaltung der Kinderseele.

    Das Leben ist dazu da, ergriffen und gelebt zu werden, und nicht, um davor davonzulaufen.


    [1] Vgl.: https://www.thelancet.com/journals/lanchi/article/PIIS2352-4642(21)00333-3/fulltext [07.12.2022].

    [2] Vgl.: https://publications.aap.org/pediatrics/article/148/3/e2021052089/179722/Delayed-Seasonal-RSV-Surge-Observed-During-the?autologincheck=redirected?nfToken=00000000-0000-0000-0000-000000000000 [07.12.2022].

    [3] Vgl.: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666991921001123 [07.12.2022].

    [4] https://www.suedtirolnews.it/italien/ist-die-immunschuld-fuer-die-infektionswelle-verantwortlich [07.12.2022].

    [5] Vgl.: https://www.bild.de/bild-plus/ratgeber/gesundheit/gesundheit/maskenpflicht-fuer-kinder-immunologe-macht-politik-schwere-vorwuerfe-82057214.bild.html [07.12.2022].

    [6] Vgl.: https://www.tagesspiegel.de/meinung/spate-einsichten-der-corona-minister-was-auf-falsche-kita-schliessungen-folgen-muss-8830207.html [24.11.2022].

    [7] Vgl.: https://psychologische-coronahilfe.de/beitrag/aber-alle-sagen-doch-ich-soll-mir-die-haende-waschen-ab-wann-ist-das-ein-zwang/ [01.12.2022].

    [8] Vgl.: https://www.bib.bund.de/DE/Aktuelles/2021/2021-07-28-Pressekonferenz-Schulschliessungen-fuer-Kinder-und-Jugendliche-belastend.html [25.11.2022].

    [9] Vgl.: Ravens-Sieberer, Ulrike (2022): COPSY-Längsschnittstudie 2022, Uni Klinikum Hamburg.

    [10] Es gilt zwischen offener und anonymer Autorität zu unterscheiden. Anonyme Autorität verbirgt in der Regel, dass Gewalt angewendet wird. Anonyme Autorität tut so, als gäbe es keine Autorität, als geschehe alles mit der Zustimmung des Einzelnen. Hier ist die Sanktion für Ungehorsam nicht die körperliche Bestrafung, sondern das leidende Gesicht von Eltern oder, was noch schlimmer ist, das Gefühl zu vermitteln, nicht ‚angepasst‘ zu sein, nicht so zu handeln, wie es die Menge tut. Die offene Autorität setzte physische Gewalt ein; die anonyme Autorität bedient sich psychischer Manipulation.

    [11] Hänsel, Rudolf (2022): Wie und mit wem können wir die Gesellschaft umgestalten? Verfügbar unter: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28358 [02.12.2022].

    [12] Vgl. Fromm, Erich (1960): A. S. Neill, Summerhill – Ein radikaler Ansatz zur Kindererziehung, New York.

    [13] Crouch, Collin (2008)); zit. n. Burow, Olaf-Axel (2011): Positive Pädagogik. sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück, Weinheim/Basel, S. 41.

    [14] Vgl. ebd., S. 79.

    [15] Vgl.: Halle, Arne / Wieda, Christina / Zorn, Dirk (2022): Fünf Thesen der Bertelsmann Stiftung zum guten Ganztag, Gütersloh.

    [16] Vgl.: https://initiative-grosse-kinder.de/igk3/was-brauchen-grosse-kinder [30.11.2022].

    [17] Vgl.: https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Grunddaten_Kinder_u_Medien.pdf [24.11.2022].

    [18] Vgl.: https://initiative-grosse-kinder.de/igk3/was-brauchen-grosse-kinder/bewegung-geschicklichkeit [25.11.2022].

    [19] Vgl.: https://multipolar-magazin.de/artikel/die-erosion-der-kommunikation [25.11.2022].

    [20] Vgl.: https://www.focus.de/gesundheit/news/chatten-knickt-die-psyche-internet_id_2817036.html [28.11.2022].

    [21] Vgl.: Twenge, Jean (2017): „Have smartphones destroyed a generation?“, The Atlantic 9/2017.

    [22] Vgl.: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106383/Suizide-steigen-bei-Jugendlichen-nach-den-Ferien-an [29.11.2022].

    [23] Vgl.: https://www.familienhandbuch.de/babys-kinder/entwicklung/jugendliche/schulkinder/WasbrauchengrosseKinder.php [29.11.2022].

    [24] Vgl.: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus239522283/Corona-Massnahmen-Eine-ganze-Generation-von-Kindern-ist-geschaedigt.html [01.12.2022].

    [25] Verfügbar unter: https://www.fritzundfraenzi.ch/gesundheit/die-zahl-an-suizidversuchen-bei-kindern-und-jugendlichen-steigt/ [29.11.2022].

    [26] Vgl.: https://www.merkur.de/politik/ampel-koalition-selbstbestimmungsgesetz-transsexuelle-ampel-entwurf-91644502.html [29.11.2022].

    [27] Hänsel, Rudolf (2022): Wie und mit wem können wir die Gesellschaft umgestalten? Verfügbar unter: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28358 [02.12.2022].

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