Ausländische Investoren kaufen deutsche Äcker auf, die Bundesregierung schaut zu. Der Bodenkongress in Thüringen zeigt, wie sich Land in wenigen Händen konzentriert.
Von Ronja Ackermann – 14. März 2026.
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Im Herbst warnte Landwirt Reiko Wöllert von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft im Interview mit der Berliner Zeitung vor einem „Ausverkauf“ der deutschen Landwirtschaft. Wenige Monate später griff auch EU-Agrarkommissar Christophe Hansen die Kritik auf und sagte, Fördergelder müssten bei den Landwirten ankommen, „die auf dem Acker stehen“, nicht bei Großinvestoren oder bloßen Landbesitzern.
Auf dem aktuell stattfindenden Bodenkongress in Apolda (Thüringen) hat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft gemeinsam mit Partnern wie dem Netzwerk Flächensicherung zu Debatten rund um das Thema Ackerverkäufe geladen. Am ersten Tag des Kongresses wurden sogenannte Share-Deals wie der Verkauf der Deutschen Agrar Holding an den australischen Investor Igneo Infrastructure Partners stark kritisiert – und als Beispiel für eine Entwicklung angeführt, die viele Betriebe seit Jahren bedrängt.
Deutsche Äcker werden immer attraktiver für Investoren
Der Agrarökonom Andreas Tietz vom Thünen-Institut beschreibt auf dem Bodenkongress mehrere Entwicklungen, die den Bodenmarkt verändern. Zum einen verliere die deutsche Landwirtschaft kontinuierlich Fläche: Rund 87 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche gingen täglich verloren, sagt Tietz. Der größte Teil werde zu Siedlungs- und Verkehrsflächen, hinzu kämen neue Nutzungen wie Freiflächen-Photovoltaik und Windenergie.
Gleichzeitig dränge viel Kapital auf den Bodenmarkt. „Es ist unglaublich viel Vermögen in Deutschland vorhanden, das wertstabile Anlage sucht“, erklärt Tietz. Für Investoren werde Ackerland damit zunehmend attraktiv, zumal sich Boden nun mal nicht vermehren lässt – und wer Land besitzt, entscheidet am Ende darüber, was darauf passiert: Lebensmittelproduktion, Energiegewinnung, Bebauung, Spekulation oder bloßes Halten als Vermögenswert.
Wie Energieprojekte den Druck auf Bauernhöfe erhöhen
Die Bio-Landwirtin Claudia Gerster bewirtschaftet das Sonnengut in Sachsen-Anhalt und erzählt, dass auch ihr Hof inzwischen regelmäßig Anrufe von Unternehmen bekomme, die Flächen für Photovoltaik-Projekte suchen. In einem Fall habe ein Solarbetreiber für Ackerland Pachtpreise von bis zu 6000 Euro pro Hektar angeboten – teilweise sogar mit Vorauszahlungen. Für landwirtschaftliche Betriebe sind solche Summen nicht erreichbar – im Jahr 2023 zahlten Betriebe in Deutschland im Durchschnitt 407 Euro Pacht pro Hektar im Jahr, die Preise variieren je nach Lage und Bodenqualität.
Der Großteil der Flächen ihres Betriebs sei gepachtet, sagt Gerster. In ihrem Fall ging es um rund 25 Hektar. „Das ist für unseren Betrieb eine Hausnummer, wenn man solche Flächen von einem Tag auf den anderen verliert.“ Die Diskussionen über mögliche Solarflächen hätten viel Zeit und Energie gekostet – mitten in der Erntezeit. „Zugang zu Land ist für uns existenziell. Das ist unsere Arbeitsgrundlage“, so Gerster. Pacht- und Kaufpreise entfernen sich immer stärker von dem, was landwirtschaftliche Betriebe erwirtschaften könnten.
Warum das Agrarstrukturgesetz in Sachsen scheiterte
Selbst größere Agrarbetriebe in Ostdeutschland könnten sich mittlerweile nicht mehr sicher fühlen, sagt der ehemalige sächsische Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne): „Wer glaubt, jetzt groß zu sein, der kann, wenn der chinesische Rentenfonds oder Aldi kommt, auf einmal ganz klein sein.“ Ideen, den Bodenmarkt zu regulieren und den Verkauf landwirtschaftlicher Flächen an außerlandwirtschaftliche Investoren einzudämmen, liegen bereits auf dem Tisch – eine davon ist das sogenannte Agrarstrukturgesetz.
Der Entwurf sieht vor, Share-Deals künftig genehmigungspflichtig zu machen. Außerdem sollen Behörden eingreifen können, wenn Kaufpreise oder Pachtzahlungen deutlich über dem üblichen Marktwert liegen. „Wenn ein reiner Kapitalinvestor kommt, der weiß, dass man tricksen und sich einen landwirtschaftlichen Betrieb kaufen kann, muss wissen: bei 2500 Hektar ist Schluss“, sagt Günther.
In Sachsen wurde die Einführung eines Agrarstrukturgesetzes bereits vor zwei Jahren intensiv diskutiert. Ziel war es, regional ansässige Landwirte beim Kauf oder bei der Pacht von Flächen zu bevorzugen und übermäßige Flächenkonzentration zu begrenzen. Zudem sollten überhöhte Kaufpreise und spekulative Entwicklungen auf dem Bodenmarkt eingedämmt werden.
Trotz eines mehrjährigen politischen Prozesses und mehrerer Kabinettsbeschlüsse scheiterte das Vorhaben jedoch 2024 innerhalb der Regierungskoalition. Die CDU-Fraktion verweigerte letztlich die Zustimmung im Landtag, obwohl das Gesetz zuvor im Koalitionsvertrag vereinbart worden war. Der damalige Landwirtschaftsminister Günther warnt nun auf dem Kongress in Thüringen, dass der „Ausverkauf von landwirtschaftlichen Flächen“ ohne neue Regeln weitergehen werde.
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